bedeckt München
vgwortpixel

Prozess:Bande nimmt Senioren aus

Fünf Männer stehen vor Gericht, sie sollen 406 000 Euro erbeutet haben

Es war gegen 11 Uhr am 5. September vergangenen Jahres, als bei der 87-jährigen Luise Z. (Name geändert) aus München das Telefon klingelte. Ein Polizeibeamter des Polizeipräsidiums meldete sich. Er bot der Seniorin an, einen Fachmann vorbeizuschicken, der ihren Schmuck überprüfen könne. Eine Stunde später klingelte ein junger Mann an der Türe von Luise Z. Es war der vermeintliche Fachmann für Schmuck. Die 87-Jährige übergab ihm ihre Preziosen im Wert von etwa 22 500 Euro sowie 850 Euro in bar. Dann verschwand der ominöse Mann. Knapp zwei Stunden später wurden er sowie eine Frau und ein 22 Jahre alter Mann im Englischen Garten von der Polizei festgenommen.

Die mutmaßlichen Täter gehören einer Bande falscher Polizisten an, die sich seit Donnerstag vor der Jugendstrafkammer am Landgericht München I verantworten muss. Mit ihnen auf der Anklagebank sitzen drei weitere mutmaßliche Komplizen. Die Staatsanwaltschaft legt den fünf jungen Männern im Alter zwischen 19 und 26 Jahren gewerbsmäßigen Bandenbetrug sowie Amtsanmaßung zur Last. Eine Stewardess aus Hamburg, die ebenfalls zu der Bande gehört haben soll, ist derzeit verhandlungsunfähig, wie der Vorsitzende Richter Stephan Kirchinger zum Auftakt des Prozesses sagte. Dem Vernehmen nach ist die 53-Jährige schwer erkrankt.

Bei der Festnahme im Englischen Garten gelangte die Polizei auch an ein Handy der Täter. So konnten die Ermittler mithören, wie einer der Angeklagten meldete, dass er eine Seniorin in Vaterstetten dazu gebracht habe, ihm ihren Schmuck und Goldmünzen im Wert von etwa 100 000 Euro zu übergeben. Auch er hatte sich der Frau gegenüber als Polizist ausgegeben und behauptet, ihre Wertsachen im Auftrag der Staatsanwaltschaft fotografieren zu müssen.

Laut Anklage sollen die fünf jungen Männer in insgesamt 16 Fällen als falsche Polizisten aufgetreten sein, der Gesamtschaden beträgt fast 406 000 Euro. Zwischen Anfang September und Ende November vergangenen Jahres sollen sie allein sieben Mal in München sowie je einmal in Erding, Holzkirchen, Vaterstetten und in Nürnberg zugeschlagen haben. Außerdem sollen sie auch in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen sowie in Baden-Württemberg meist hochbetagte Menschen dazu gebracht haben, ihnen ihr Bargeld, Goldbarren und Goldmünzen oder Schmuck auszuhändigen - entweder für angebliche Ermittlungen, oder aus anderen erfundenen Gründen. Die Maschen der Betrüger sind vielfältig, der sogenannte Enkeltrick wurde bereits mehrfach abgewandelt. Oft suchen sich die Täter Opfer mit "alt" klingenden Namen und teilen ihnen am Telefon überraschende oder schockierende Nachrichten mit.

Oberstaatsanwalt Kai Gräber nennt das Vorgehen der mutmaßlichen Bande in der Anklage deshalb besonders verwerflich, da es sich bei den Opfern um ältere Menschen handle, die in ihrer "Wahrnehmungs- und Kritikfähigkeit eingeschränkt sind". Durch zum Teil stundenlange Anrufe hätten die Angeklagten die Senioren unter "erheblichen emotionalen Druck" gesetzt. Allerdings nicht immer mit Erfolg. Immerhin in acht Fällen waren die Opfer misstrauisch geworden. Manche riefen unter der 110 die Polizei an und erkundigten sich. Ein Mann aus Nürnberg, der ebenfalls Verdacht schöpfte, hatte zuvor von der Masche falscher Polizisten in der Zeitung gelesen. In einer Bank in Holzkirchen hatten sich die Angestellten geweigert, einem 79-Jährigen 20 000 Euro auszubezahlen. Stattdessen schalteten sie die Polizei ein. Ein Urteil in dem Prozess vor der Jugendstrafkammer wird für Anfang Dezember erwartet.