Fahrerlose Autos Dieses Start-up orientiert sich am Fledermaus-Prinzip

Die mit Hilfe eines beweglichen Siliziumspiegels gelieferten Daten aus Millionen einzelner Punkte lassen Bilder der Umgebung entstehen.

(Foto: Robert Haas)

Die Münchner Erfinder wollen dem autonom fahrenden Auto zum Durchbruch verhelfen. Nur ein einziger Laser soll dem Bordcomputer Millionen von Daten liefern.

Von Gerhard Eisenkolb

Soll Mathias Müller das Gerät erklären, mit dem er und seine drei Mitgründer vom Münchner Start-up "Blickfeld" autonom fahrenden Autos zum Durchbruch verhelfen wollen, kommt er auf Fledermäuse zusprechen. Diese orientieren sich beim Fliegen auf der Suche nach Insekten an Ultraschallwellen.

Das von seiner Firma entwickelte Gerät, mit dem sich fahrerlose Autos im Straßenverkehr bewegen sollen, funktioniert nach dem gleichen Prinzip. Nur dass die Umgebung nicht von Schallwellen, sondern von einem Laserstrahl, also mit gebündelten, in einer geraden Linie verlaufenden Lichtwellen erfasst wird, die etwa eine Million Mal schneller sind als der Schall.

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Messgeräte, die mit einem Laserstrahl den Abstand zwischen zwei Punkten messen, sind in Baumärkten schon für einige Euro zu kaufen. Die Start-up-Firma steht vor der Aufgabe, diese Technik so zu perfektionieren, dass der Laser in einer Sekunde nicht eine, sondern eine Million solcher Messungen durchführt und dazu Daten liefert, denen die Autoinsassen blind vertrauen können. Zudem soll ihr kleiner schwarzer Zauberkasten mit dem Namen Lidar in der Massenproduktion einmal nicht viel mehr kosten als ein Abstandsmesser aus dem Baumarkt auch.

Messgeräte mit mehreren Lasern für autonom fahrende Autos gibt es laut Müller bereits. Nur kostet deren Herstellung noch eine höhere fünfstellige Eurosumme. Also mindestens so viel wie ein Auto der gehobenen Preisklasse, an dessen Steuer ein Mensch sitzt - was den Einsatz dieser Technik bisher unbezahlbar macht.

Die jungen Erfinder um Müller sind überzeugt, ihr Problem, in Sekunden Millionen von Messungen, die neben Abständen auch noch die Geschwindigkeiten von sich bewegenden Objekten angeben, mit einem beweglichen Spiegel gelöst zu haben. Dieser scannt mit einem einzigen Laser die Umgebung ab.

Mehrere Patente dazu hat die Firma Blickfeld bereits angemeldet. Verarbeitet ein Bordcomputer die mit Hilfe eines beweglichen Siliziumspiegels gelieferten Daten, entstehen, wie im menschlichen Auge auch, aus Millionen einzelner Punkte Bilder der Umgebung. "Wenn man es verstanden hat, merkt man, dass es profan ist", meint Müller bescheiden.

Über ein fertiges Produkt verfügen die vier Start-up-Gründer noch nicht. Zum Gründerteam gehören neben Müller der ebenfalls aus Gröbenzell stammende Robotiker Florian Petit, der Patentanwalt Sebastian Neusser und der Informatiker Rolf Wojtech. Den Prototyp führt Müller an einem Versuchsaufbau am Lehrstuhl für Messsystem- und Sensortechnik der TU München vor. Hier, an der Fakultät für Elektrotechnik, habilitiert sich Müller zurzeit.

Und hier hält der 37-Jährige Vorlesungen über sein Spezialgebiet. Das sind faseroptische Sensoren und ihre Anwendungen. Mit dem Prototyp sei der Nachweis gelungen, dass die Methode funktioniere, sagt Müller zufrieden. Wäre er nur der auf optische Messtechniken spezialisierte Wissenschaftler, dessen Handwerkszeug die Gesetze der Optik und der Physik sind, hätte er damit seine Aufgabe erledigt.

Forscher Mathias Müller arbeitet am Durchbruch für eine preisgünstigere Messtechnik.

(Foto: Robert Haas)

Gäbe es nicht noch eine zweite, mindestens ebenso reizvolle Herausforderung: den Übergang von der Forschung in die Anwendung. Wirtschaftsfragen faszinieren Müller schon seit seiner Schulzeit. Im zweiten Schritt geht es für den Physiker darum, eine effiziente Methode zur Umsetzung der Forschungsergebnisse in die Praxis zu finden.

Deshalb gründete der Gröbenzeller zum zweiten Mal mit Partnern ein von einer Wagniskapitalgesellschaft mitfinanziertes Start-up. Die erste High-Tech-Firma mit dem Namen "fos4X" - der Name steht für "faseroptische Sensoren für x-beliebige Sachen" - produziert spezielle Laser-Steuerungsgeräte für Windräder.

Neben den Technikern und Forschern von Blickfeld arbeiten noch mehrere andere Entwicklerteams an Lösungen, wie sich autonom fahrende Autos mit Lasern unfallfrei steuern lassen. Mitkonkurrenten sitzen auch im Sillicon Valley in den USA. Gewinnen wird am Ende, wer die richtige Lösung am schnellsten entwickelt. Dementsprechend groß ist der Druck. Müller hofft, schon im nächsten Jahr den Prototyp von Lidar in Fahrzeugen einer Autofirma testen zu können.

Urlaub gibt es bis dahin keinen. Zudem wäre nicht sicher, ob die Tüftler in ihren Ferien wirklich ganz abschalten könnten. Die zündende Idee fürs autonome Fahren hatten die beiden Freude Florian Petit und Mathias Müller bei einer gemeinsamen vierwöchigen Atlantiküberquerung im Segelboot.

Geht es nicht ums autonome Fahren, interessiert sich der Besitzer eines VW Polo kaum für Autos. Sein Wagen ist 20 Jahre alt und hat 70 000 Kilomeer auf dem Tacho. Für die 17 Kilometer lange Strecke von seiner Wohnung in Gröbenzell zu seinem Institut an der TU in der Maxvorstadt steigt Mathias Müller am liebsten aufs Fahrrad.

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Anmerkung der Redaktion: In dem Text hieß es zunächst: "Nur kostet deren Herstellung noch eine höhere siebenstellige Eurosumme. Also mindestens so viel wie ein Auto der gehobenen Preisklasse". Anstelle einer siebenstelligen Eurosumme hätte es eine fünfstellige Eurosumme heißen müssen.