Süddeutsche Zeitung

Protestvideo gegen Gentrifizierung:Rappende Gorillas renovieren Abrisshaus

Kreativer Protest: Im Netz ist ein Video aufgetaucht, das sich für den Erhalt eines Wohnhauses in München samt Bolzplatz starkmacht. Darin renovieren als Gorillas verkleidete Aktivisten eine Wohnung. Am Ende des Clips nehmen die Affen die Masken ab.

Von Beate Wild

Als Gorillas verkleidete Aktivisten dringen in eine Wohnung im Münchner Glockenbachviertel ein. Sie sehen zum Fürchten aus, geben laute Schreie von sich. Neugierig sehen sie sich in allen Räumen um. Dann packen sie Eimer, Besen und Pinsel aus - und beginnen zu renovieren. Dazu rappt einer der Affen, dass man das Haus nicht abreißen müsse, man könne es auch einfach restaurieren.

Am Montag ist ein Video im Netz aufgetaucht, online gestellt von der fiktiven Immobilienfirma "Goldgrund", in dem sich prominente Münchner für ein Wohngebäude in der Müllerstraße 6 starkmachen. Der ehemalige Fußballprofi Mehmet Scholl ist dabei, Nockherberg-Regisseur Marcus H. Rosenmüller, Kabarettistin Luise Kinseher, die Sportfreunde Stiller, Blumentopf, Kabarettist Dieter Hildebrandt und weitere Künstler. Der Kampf gegen den Abriss des Hauses und des zugehörigen Bolzplatzes geht damit in die nächste Runde.

Im vergangenen Herbst waren die Emotionen hochgekocht: Es hatte starke Proteste ausgelöst, als bekannt wurde, dass die Stadt München das Gebäude, das ihr gehört, samt Bolzplatz daneben abreißen will, um eine neue Wohnanlage zu errichten. Den Sound zum jetzt neu erschienenen Video liefert die Urban-Brass-Band Moop Mama. Im Hintergrund fangen derweil die Gorillas an, in der als unrenovierbar geltenden Wohnung zu putzen, zu spachteln, zu schleifen, zu streichen und Böden zu verlegen.

Sänger Keno Langbein singt dazu: "Irgendwer hat gesagt, diese Wohnungen sind greislich, abgewrackt. Doch sie sind eigentlich intakt, deswegen zeigen wir euch das, wir renovieren. Und ich glaube echt, ihr reißt das Ding nicht ab, denn irgendwie wirft das doch dann ein scheiß Licht auf die Stadt. Wenn jeder merkt, es geht gar nicht ums Wohnraumschaffen, vielleicht manchen eher ums Kohlemachen."

Während sich die Gorillas, die an die Affen von Hauptstadt-Rapper Peter Fox erinnern, an die Arbeit machen - "ein bisschen streichen hier, ein bisschen Farbe da" - zeigt der Zeitraffer die Fortschritte der Arbeit im Sekundentakt. Die Live-Musik zu Kenos' Rap spielen die Bläser von Moop Mama live und ohne Verstärker. "Und ich schätz', wenn's alle wissen, dann wollt ihr es auch: Das Haus muss bleiben - und der Bolzplatz auch. Und ich sag: Wir gehen hier nicht raus - und so schaut's aus", singt Keno.

Im Text unter dem Video ist zu lesen: "Die Stadt München möchte an dieser Stelle neue Wohnungen bauen. Die Kosten für den Neubau wurden im vergangenen Jahr von der Stadt recht vorsichtig mit 5,2 Millionen Euro beziffert. Planung, Grundstücksfreimachung, Abbruch, Außenanlagen, Ausstattung sind hier noch nicht eingerechnet, so dass das ganze Projekt nach sachverständiger Einschätzung mit mindestens 7 Millionen Euro zu Buche schlagen wird."

Die Gorilla-Handwerker sind indes ohne Erlaubnis der Stadt München, die Eigentümerin des Gebäudes ist, in die Wohnung eingedrungen. Till Hofmann, einer der Initiatoren der Aktion, sagte zu Süddeutsche.de: "Wenn die davon gewusst hätten, hätten sie es uns ja nicht erlaubt." Die Wohnung sei vom Jugendhilfeverbund "Just M" angemietet gewesen, ein Somalier habe sie bewohnt. Auf Bitten der Goldgrund-Aktivisten sei dieser aus der Wohnung ausgezogen, habe aber selbst nichts von der Restaurierung gewusst.

Nachfragen beim Kommunalreferat der Stadt bestätigen, dass man vorab nichts von der Aktion wusste. "Wir finden das Video sehr sympathisch", sagte Sprecher Bernd Plank. Allerdings sei es in dem Haus nicht damit getan, die Wände zu weißeln, da die Bausubstanz völlig heruntergekommen sei. Nichtsdestotrotz prüfe man derzeit verschiedene Entwürfe für einen Neubau von Sozialwohnungen, auch solche Varianten, in denen der Bolzplatz erhalten bleiben könne.

Legal, illegal? Revolución!

Bereits im Oktober vergangenen Jahres hatten sich Münchner Künstler für den Erhalt des Bolzplatzes starkgemacht. Die 160 Quadratmeter Freizeitfläche würden bei Abriss des Hauses einem Neubau zum Opfer fallen. Im Stadtrat hatten die unerwartet heftigen Proteste Eindruck gemacht. CSU, Grüne und FDP schlugen sich damals offen auf die Seite der Bolzplatz-Fans. Nur Alexander Reissl, Fraktionschef der SPD, bemängelte, dass seine Kollegen nach dem Motto agierten: "Wer am lautesten schreit, hat recht." Dabei repräsentierten die Demonstranten laut Reissl lediglich einen Teil der Bürgerschaft. Diejenigen, die dringend eine bezahlbare Wohnung suchen, blieben auf der Strecke.

Der SPD-Mann fragte weiter, wie dem Problem des Wohnungsmangels jemals beizukommen sei, wenn jedes Neubauprojekt sofort und mit Erfolg aus der Nachbarschaft heraus bekämpft werde. Immerhin gehe es an der Müllerstraße nicht um Luxus-Suiten, sondern um Sozialwohnungen. Nun präsentieren die Gorilla-Aktivisten im Clip ihre Lösung des Problems: Renovieren statt Abreißen. So könnten neue Sozialwohnungen geschaffen werden, ohne dass das Haus und der Bolzplatz verschwinden müssten. Ob sich Renovieren tatsächlich lohnt, ist allerdings umstritten.

Die Macher des Videos zumindest sind davon überzeugt. Im Text unter dem Clip heißt es: "Das Kommunalreferat sage, eine Erhaltung des Gebäudes sei 'nur mit ganz erheblichem Kostenmehraufwand' möglich. Das glauben wir nicht. (...) Wir haben schon mal damit angefangen und in den vergangenen Tagen eine der Wohnungen grundsaniert: neues Parkett, neue Küche, neues Bad, und ansonsten einmal schönmachen." Das Ergebnis sei eine "Goldgrund-sanierte" Wohnung, nach der sich Zehntausende Münchner Wohnungssuchende die Finger lecken würden.

Am Ende des Clips nehmen die renovierenden Gorillas ihre Masken ab. Dazu werden im Video die Bilder der frisch restaurierten Wohnung eingeblendet. Sie sieht auf den Bildern tatsächlich freundlich, sauber und einladend aus. "Nein, wir gehen nirgendwo hin", rappt Keno, "wir ziehen nicht aus hier, weil ich ganz sicher bin, dass die Wohnung hier bleibt."

Über dem Sofa im Wohnzimmer hängt ein Poster mit der Aufschrift: "Revolución".

Am Mittwoch, 6. März 2013, veranstaltet das Kommunalreferat um 18 Uhr eine Podiumsdiskussion in der Glockenbachwerkstatt. Im Anschluss daran kann die "Musterwohnung" besichtigt werden.

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