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Protestmarsch:Vierfach-Marathon fürs Bleiberecht

100 Flüchtlinge verlassen Protest-Camp am Sendlinger Tor und ziehen nach Nürnberg, um dort zu demonstrieren

Von Tom Soyer

Nach 32 Tagen haben die für ein "Bleiberecht für alle" demonstrierenden Flüchtlinge am Samstag ihr provisorisches Camp auf dem Sendlinger-Tor-Platz in München aufgelöst. Um 14.30 Uhr setzte sich ein Marsch von etwa 100 Flüchtlingen in Bewegung Richtung Oberanger, begleitet von einem großen Polizeiaufgebot und angeführt von Markus Werner und Oliver Westermann vom Motorradclub "Kuhle Wampe". Für sie sei es Ehrensache, sich politisch links und solidarisch mit den "Non-Citizens" zu zeigen, sagten sie. Die Demonstranten wollen nun in 13 Tagesetappen bis vor das Nürnberger Bundesamt für Migration ziehen und unter anderem in Flüchtlingsunterkünften in Freising, Landshut, Regensburg und Parsberg Station machen.

Am Sendlinger Tor hatte sich den Demonstranten spontan eine Münchner Seniorin angeschlossen. "Eigentlich wollte ich nur zum Essen gehen", erklärte sie einem jungen Mann - nun ging sie eben demonstrieren und reihte sich ein in die Menschengruppe, die "1 - 2 - 3 - 4 - alle Menschen bleiben hier!" skandierte und Transparente, auch mit antifaschistischen Texten, hochhielt. Die stießen auf besondere Aufmerksamkeit bei dem islam- und asylfeindlichen Extremisten Michael Stürzenberger, der mit einigen seiner Begleiter exzessiv filmte. Stürzenberger wird vom Verfassungsschutz als "die zentrale Figur der verfassungsschutzrelevanten islamfeindlichen Szene in Bayern" beobachtet, heißt es im Verfassungsschutzbericht 2016.

Den Sendlinger-Tor-Platz hinterließen die Demonstranten mit zusammengelegten Zelten, gestapelten Holzpaletten und einem Berg von Schlafsäcken, welche schwarze Müllsäcke gegen den einsetzenden Regen schützten. Ein Lastwagen sollte die Habe der Protestmarsch-Teilnehmer später abholen. Die durchquerten die Stadt, eskortiert von Blaulicht und unter lautem Rufen von Freiheits-Parolen. Als - für Münchner Verhältnisse - eher kleinerer Demonstrationszug erregten sie aber nur punktuell Aufmerksamkeit am Weg, und auch nach Angaben der Polizei verlief die Wander-Demonstration ruhig.

Momente des Staunens gab es am Rindermarkt, wo der Flüchtlingszug dem einkaufenden Münchner Volk begegnete, das bepackt mit goldglänzenden Taschen aus einem Kleider-Kaufhaus hinaustrat und gebannt auf die Polizeilichter starrte. "Is des scho da München-Marathon", fragte ein Goldtaschenträger irritiert. Nein, der kam dort erst einen Tag später vorbei, und außerdem absolvieren die hundert Flüchtlinge ein Vielfaches jener 42,195 Kilometer: Schon auf der Autobahn wären es vier Marathon-Distanzen bis Nürnberg (170 Kilometer), und auf der Landstraße ist es ein noch weiterer Weg.

© SZ vom 10.10.2016
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