ProtestaktionGlücklich strampelnd dem Stau auf der Spur

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Im Pulk auf der Lindwurmstraße fährt es sich zwar viel langsamer als auf dem Radweg, aber Geschwindigkeit ist auch nicht das Ziel der Aktion. Die Umweltaktivisten von Green City wollen mehr erreichen - stets im Einklang mit der Straßenverkehrsordnung

Von Thomas Anlauf

Nichts geht mehr. Irgendwo da vorne hinter der Bahnunterführung stauen sich die Autos an der Ampel. Und ein Pulk von 40 Radlern steckt ebenfalls im Stau. Ein eigenartiger Anblick: Rechts auf dem holprigen Fahrradweg hinter den Pappeln rauschen einige Radler entlang der Lindwurmstraße stadteinwärts, auf der Straße stehen Radfahrer in Zweierreihen auf der rechten Fahrspur und warten, dass es weiter geht. "Schon erstaunlich, dass sich Autofahrer so was täglich antun", sagt Martin Glöckner und grinst. Der Chef der Umweltorganisation Green City ist ziemlich gut gelaunt an diesem Donnerstagmorgen. Dem ersten "Radlshuttle" vom Stemmerhof an der Plinganserstraße bis zum Sendlinger Tor schlossen sich doppelt so viele Teilnehmer an wie erwartet.

Von nun an starten die Umweltaktivisten mit Münchner Radl-Pendlern an jedem Werktag um 8.30 Uhr im geschlossenen Verbund in Richtung Altstadt und fahren trotz des Gebots, in der Lindwurmstraße den Radweg zu benutzen, zu zweit nebeneinander auf der Straße. Dank Paragraf 27 der Straßenverkehrsordnung ist das ab einer Gruppe von 16 Radlern ausdrücklich erlaubt. "Man kann sich nett unterhalten", sagt eine Sendlingerin nach dem ersten Radlshuttle. "Allerdings ist man auch ganz schön langsam - wegen der Autos." Tatsächlich braucht der Corso für die Strecke 15 Minuten, wer zügig über den Radweg fährt, höchstens sieben.

Der "Radlshuttle" startet werktags um 8.30 Uhr am Sendlinger Berg.
Der "Radlshuttle" startet werktags um 8.30 Uhr am Sendlinger Berg. Lukas Barth

Aber Geschwindigkeit ist auch nicht das Ziel der Aktion. Green City und die Shuttle-Teilnehmer fordern damit Radspuren auf der Lindwurmstraße statt enge Radwege, die sie sich oft mit Fußgängern teilen müssen. Die stark befahrene Straße ist ein Brennpunkt für Radler und Fußgänger gleichermaßen. Das ist im Rathaus bekannt, aber "die derzeitige Stadtregierung aus CSU und SPD hat bislang keine Lösung vorgelegt", sagt Andreas Schuster, Mobilitäts-Experte bei Green City. Deshalb habe sich die Umweltorganisation nun selbst um eine Lösung gekümmert. "Unser Wunsch ist, dass sich das Angebot etabliert und sich womöglich auch auf anderen Münchner Straßen Radler zusammenschließen", sagt Martin Glöckner.

Die Grünen im Münchner Stadtrat reagierten auf die Aktion am Donnerstag umgehend und forderten, je eine Fahrspur in der Lindwurmstraße für Radler zu reservieren. Zudem soll die Verwaltung alle Ein- und Ausfallstraßen zwischen Altstadtring und Mittlerem Ring daraufhin untersuchen, wie "die Sicherheit und der Komfort für den Radverkehr verbessert wird". Die Grünen nennen den Rad-Verbund von Green City "ein positives Beispiel für zivilen Gehorsam", da sich die Radler im Einklang mit der Straßenverkehrsordnung auf der Straße fortbewegen. Und das Radeln "auf dem skandalös engen und in schlechtem Zustand befindlichen Radweg" sei eine "gefährliche Zumutung für Fahrradfahrer und Fußgänger".

Im Konvoi über die Lindwurmstraße: Am Donnerstag fuhren Aktivisten der Umweltorganisation Green City und Münchner Radler ganz legal auf der Straße.
Im Konvoi über die Lindwurmstraße: Am Donnerstag fuhren Aktivisten der Umweltorganisation Green City und Münchner Radler ganz legal auf der Straße. N/A

Das Planungsreferat hat seit zwei Jahren den Auftrag, Lösungen für die Lindwurmstraße zu erarbeiten: "Sie steht auf unserer To-do-Liste, aber vorrangig sind die Rosenheimer Straße und die Nord-Süd-Querung der Altstadt", sagt Planungssprecher Thorsten Vogel. In der Radspur-Frage sind sich bei der Lindwurmstraße ohnehin auch die Fraktionen nicht einig. "Davon, eine Autospur wegzunehmen, halte ich nichts", sagt der verkehrspolitische Sprecher der CSU-Fraktion Michael Kuffer. Eigene Radspuren wie in der Kapuzinerstraße brauche es auf der Lindwurmstraße nicht. "Wir haben dort genügend Parallelrouten für Radfahrer", sagt Kuffer. FDP-Politiker Michael Mattar, der auch Vorsitzender der Fraktion " Freiheitsrechte, Transparenz und Bürgerbeteiligung" ist, sieht "schon die Notwendigkeit, mehr Platz für den Fahrradverkehr zu schaffen - aber nicht zu Lasten des fließenden Verkehrs". In der Lindwurmstraße müsste man dafür auf einer Seite die Parkplätze streichen. Doch dazu müssten auch zahlreiche Bäume gefällt werden. Der SPD-Verkehrsexperte Ingo Mittermaier sieht durchaus einen Bedarf für breitere Radwege an der Lindwurmstraße. "Persönlich halte ich es aber auch durchaus für charmant, dort die Radwegbenutzungspflicht aufzuheben". Schnelle Radler dürften dann auf die Straße ausweichen, langsame könnten weiterhin den schmalen Radweg benutzen.

Für die Radlergruppe, die am Donnerstagmorgen ganz entspannt am Sendlinger Tor ankamen, war eine Erkenntnis des ersten Corsos fast schon verblüffend: Als die letzten des Pulks bei Rot ganz legal über eine rote Ampel fuhren, hupte lediglich ein Autofahrer.

© SZ vom 12.06.2015 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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