Protest gegen Pegida in München:Nein, nein, nein - und nochmals nein

  • Etwa 12 000 Menschen nehmen an der vierten Anti-Pegida-Demonstration in München teil. Sie steht unter dem Motto "Tanz den Pegida - ein Arbeiterfasching". Es wird eine bunte und doch ernste Kundgebung.
  • Direkt gegenüber auf dem Sendlinger-Tor-Platz trifft sich zum zweiten Mal der Münchner Pegida-Ableger in der Öffentlichkeit. Bei der Bagida-Kundgebung zählt die Polizei 1100 Teilnehmer, darunter wieder bekannte Köpfe aus der Neonazi-Szene.

Von Thomas Anlauf, Martin Bernstein und Susi Wimmer

Die beiden Zebras sind aus Bruckmühl bei Rosenheim gekommen. "Ich bin aus Afrika, und trotzdem haben mich alle lieb", steht auf dem Schild, das sich eines von ihnen um den Hals gehängt hat. Es ist Fasching in München, aber an diesem Montagabend ist der alles andere als bloße Gaudi oder Klamauk.

Die Veranstalter vom Aktivisten-Bündnis "Bellevue di Monaco", die zur vierten Demonstration gegen Intoleranz, gegen Islamfeindlichkeit und Rassismus aufgerufen haben, wollen mit dieser Party ein Zeichen setzen. "Tanz den Pegida" ist ihr Motto.

"Keine stärkere Waffe als das Lachen"

Mehr als zehntausend Menschen drängen sich am Montagabend vor dem Sendlinger Tor, es ist ein großes, buntes Fest. Sie wippen zur Musik von The Moonband und den Wellküren im Takt. Seifenblasen steigen von irgendwo her auf, ein roter Luftballon tanzt über die Köpfe der Menschen hinweg. "Ich bin so gern Münchner, wenn ich das hier sehe", ruft die Filmregisseurin Doris Dörrie in die Menge. Sie trägt eine rote Pappnase und einen schwarzen Filzhut.

In der vergangenen Woche war die Stimmung nach den Terroranschlägen von Paris gedrückt. An diesem Montag feiern die Menschen. Als drei Musiker von Blumentopf "München ist bunt" rappen, heben Tausende die Hände zum Peace-Zeichen. "Alles, was ernst ist, ist sehr gefährlich", sagt Dörrie auf der Bühne. Es sei wunderbar, dass es "hier so bunt ist und dass wir die Bunten sind. Bunt bedeutet auch, den Humor auf seiner Seite zu haben. Und es gibt vielleicht keine stärkere Waffe als das Lachen." Dörrie ruft alle dazu auf, laut zu lachen. Und Tausende stimmen mit ein. "Wenn wir zusammen lachen, dann können wir auch zusammen leben!"

Knapp zwei Stunden dauert die Veranstaltung, zum Teil überschneidet sie sich mit der Kundgebung von Bagida, dem bayerischen Ableger der in Dresden entstandenen Pegida-Bewegung. Der Platz ist gut gefüllt, wenn auch nicht so wie vor einer Woche: Damals standen sich hier etwa 18 000 München-ist-bunt-Demonstranten und 1500 Bagida-Anhänger gegenüber. Nun spricht die Polizei von 12 000 Teilnehmern bei "Tanz den Pegida".

"Hochkaräter" aus der Neonazi-Szene bei Bagida

Obwohl es (anders als in Dresden) für München keine konkrete Terrorwarnung gab, zeigt die Polizei massiv Präsenz. Der Bereich zwischen Sendlinger Tor und Matthäuskirche sowie der Stachus sind laut einem Sprecher nachmittags nach "verdächtigen Gegenständen" abgesucht worden, auch am Hauptbahnhof sind viele Polizisten unterwegs.

Gegen 18 Uhr formiert sich dort eine Gruppe von etwa vier Dutzend mutmaßlichen Rechtsextremisten. Später sammeln sich ähnlich viele in einem Café im Bahnhofsviertel, offenbar sind darunter bekannte Neonazis aus verschiedenen Bezirken Bayerns; ein Szene-Experte spricht von "Hochkarätern". Unter ihnen soll sich auch Pierre Fürbaß-Pauly befinden, der im Raum München in der neuen, laut Verfassungsschutz rechtsextremistischen Partei "Der Dritte Weg" aktiv ist. Als die Gruppe, eskortiert von der Polizei, durch die Schillerstraße läuft, ruft sie den Pegida-Slogan: "Wir sind das Volk!"

"Lügenpresse" und "Wir sind Lutz"

Der Bereich der Bagida-Kundgebung ist abgesperrt. Dass der Eingang in den inneren Bereich direkt vor dem Turm der Matthäuskirche liegt, passt den Bagida-Anhängern nicht: Dort wird gefilmt, und so gerne möchte mancher sein Gesicht nicht zeigen. Das möge doch, bitteschön, die Polizei unterbinden. Die Bagida-Kundgebung beginnt um 19 Uhr. 1100 Teilnehmer sollen gekommen sein, schätzt die Polizei. Sie skandieren "Lügenpresse" und "Wir sind Lutz". Damit meinen sie den Dresdner Pegida-Organisator Lutz Bachmann, gegen den es eine Morddrohung gegeben hat.

Nach einer Dreiviertelstunde setzt sich der Bagida-Zug in Bewegung und läuft zum Stachus, laut Polizei marschieren etwa 100 mutmaßliche Rechtsextremisten mit. Die Sicherheitskräfte haben Absperrgitter aufgebaut, dahinter ziehen die Gegendemonstranten die Sonnenstraße entlang. "Haut ab, haut ab!", rufen sie den Islamfeinden zu. Ein paar Gegendemonstranten versuchen, die Absperrungen zu durchbrechen, Flaschen und Eier fliegen. Die Polizei greift ein, es kommt zu einzelnen Festnahmen. Nach ersten Erkenntnissen sind diesmal weniger Rechte gekommen als noch vor einer Woche, als die Polizei von "mindestens 200" gesprochen hatte. Gesichtet wurden aber bekannte Köpfe der Szene wie Karl-Heinz Statzberger, vorbestraft wegen des versuchten Sprengstoffanschlags auf das jüdische Zentrum in München.

Bei der Gegendemo treten derweil viele prominente Künstler auf. Der Komiker Michael Mittermeier etwa lästert: "Muegida, Pegida, Bagida - in Friedrichshafen heißen sie Frigida." Die Autorin und Moderatorin Amelie Fried sagt: "Mia san die mehran." Und ruft in Richtung der Bagida-Sympathisanten: "Wer mit Nazis marschiert, diskreditiert sich und sein Anliegen - und macht sich mit Nazis gemein!" Immer wieder loben die Redner die Teilnehmer der Kundgebung für ihre Beharrlichkeit: Seit dem 22. Dezember haben Zigtausende Münchner für Toleranz demonstriert.

Viele haben sich am Montag verkleidet, wenn auch bei Weitem nicht alle. Auf ihren Schultern liegen bunte Konfettischnipsel. Eine Frau mit violetter Federboa und bunter Flickenhose sagt, München müsse noch bunter werden. "Heute habe ich einen wunderbaren Satz gehört: Wer die Freiheit der Sicherheit opfert, verliert am Ende beides. Das sollten wir beherzigen."

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