Protest gegen den Ausbau "Eine Sauerei"

Entlang der Trasse gibt es seit Jahrzehnten Proteste gegen den Ausbau der Autobahn 94.

(Foto: dpa)

Über Jahrzehnte leisteten Bürgerinitiativen Widerstand gegen den Bau - am Ende ohne Erfolg.

Von Hans Kratzer

Vor gut zehn Jahren, an einem sonnigen Samstag im Mai 2009, haben sich die Autobahngegner im Isental noch einmal aufgebäumt. Auf einer Anhöhe nahe der Stadt Dorfen versammelten sich, wie schon Dutzende Male vorher, Tausende Menschen, um gegen den Bau der Isentaltrasse der A 94 zu protestieren. Es läuteten die Kirchenglocken, drüben im Wald rief der Kuckuck, und der Frühlingswind bürstete die Blumenwiesen kräftig hin und her. Das Isental offenbarte an jenem Tag, warum es von Dichtern und Schriftstellern seit Jahrhunderten besungen wurde.

Der Satiriker Gerhard Polt rief der Versammlung an jenem Tag zu, es gebe in Bayern neben CSU, Banken und Verkehrslobby auch noch so etwas wie Heimat. "Die Autobahn ist juristisch einwandfrei", spöttelte Polt. "Aber sonst ist sie eine Sauerei." Seine Philippika markierte gleichsam das Finale des sich über Jahrzehnte hinziehenden Widerstands, dessen Zentrum in und rund um die Stadt Dorfen zu verorten war.

Aus den Akten der Autobahndirektion Südbayern geht hervor, dass schon 1938 eine Autobahn München-Passau projektiert wurde. Die frühen Streckenplanungen sahen einen durchgehenden Verlauf entlang der gut 15 Kilometer südlich von Dorfen gelegenen Bundesstraße 12 vor, die in der juristischen Auseinandersetzung als Trasse Haag bezeichnet wurde. Wann genau der umstrittene, gut 30 Kilometer lange Schwenk von der B 12 ins Isental ins Gespräch kam, ist unklar. Alte Zeitungsberichte deuten auf die Zeit um 1970 hin. Als die Planung der Isentaltrasse akut wurde, formierte sich in der Bevölkerung sofort Widerstand.

1977 wurde das Raumordnungsverfahren für die A 94 eröffnet. Kaum jemand ahnte, dass Staatsregierung und Autobahnplaner bald auf der Stelle treten sollten. Sie unterschätzten den Widerstand im Isental total. "Wir lassen unsere Heimat nicht von gewissenlosen Politikern zerstören", sagte die Dorfener Ortsbäuerin Amalie Wastl stellvertretend für die vielen Kritiker, die entweder gar keine Autobahn wollten oder die Trasse entlang der B 12 favorisierten.

Der Widerstand im Isental bündelte sich alsbald in mehreren Bürgerinitiativen, etwa in der Aktionsgemeinschaft gegen die A 94, einer der ältesten Bürgerinitiativen in Deutschland, und in dem Verein "Die bessere Lösung". Das machte die Gegenwehr vor den Gerichten überhaupt erst möglich. Einzelne Bürger wären wegen der immensen Kosten dazu gar nicht in der Lage gewesen. Fast eine Million Euro haben die Autobahngegner allein für Anwälte und Gutachten ausgegeben.

Die Niederlage der Autobahngegner nach jahrzehntelangem Hin und Her im Landtag, im Bundestag und vor den Gerichten wurde am 30. Oktober 2007 besiegelt. Damals wies der Bayerische Verwaltungsgerichtshof in München alle Klagen gegen die Isentalautobahn ab. 2012 beendete die Aktionsgemeinschaft ihren Widerstand, nachdem sie auch in letzter Instanz vor Gericht unterlegen war. Im März 2018 hat sich, 40 Jahre nach seiner Gründung, auch der Verein "Die bessere Lösung" aufgelöst. "Er hat keine Berechtigung mehr, die Bauarbeiten sind zu weit fortgeschritten. Die Trasse zu verhindern, ist uns nicht gelungen, damit ist unser Vereinszweck sinnlos geworden", sagte der Vorsitzende Joachim Wild. Die Bürgeraktion verzeichnete in ihren Anfangsjahren als Mitglied Nr. 173 übrigens auch den Schlagersänger Roy Black, der in der Nähe der A 94 bei Heldenstein eine Anglerhütte besaß. Dort ist er am 9. Oktober 1991 gestorben.

Viele Autobahngegner hadern heute noch mit dem ihrer Meinung nach unwürdigen Agieren des damaligen Vorsitzenden des 8. Senats des Verwaltungsgerichtshofs, Erwin Allesch. Er habe alle Einwände der Autobahngegner kalt lächelnd abprallen lassen, klagten sie. "Wir hatten von vornherein keine Chance." Jene Stimmen, die dem Richter Parteilichkeit und Rechtsbeugung vorwarfen, werden wohl noch lange Zeit nachhallen.

Im Gedächtnis haften geblieben sind aber auch die vielen fantasievollen Veranstaltungen der Autobahngegner, seien es Klangspaziergänge, Konzerte, Mahnwachen, Sommerfeste oder Kabarettbühnen, bei denen Zehntausende ihre Heimatverbundenheit zum Ausdruck brachten. Angehörige aus allen Gesellschaftsschichten fanden sich zusammen, um das Isental zu retten. "Wir haben verloren, was hat's gebracht? Wir haben uns 40 Jahre lang abgekämpft", sagt Heiner Müller-Ermann von der Aktionsgemeinschaft gegen die A 94. "Obwohl wir in allen Punkten recht hatten, haben wir wie gegen eine Wand geredet. Es war trotzdem richtig, alles probiert zu haben."