Projektgruppe "Die Welt ist überfordert"

Beobachteten die Siko: Anja Ufermann und Thomas Mohr.

(Foto: Tom Soyer)

Anja Ufermann und Thomas Mohr sind als kritische Tagungsbeobachter zur Siko zugelassen

Interview von Tom Soyer

Thomas Mohr aus München und Anja Ufermann aus Bonn sind bei der Münchner Sicherheitskonferenz als kritische Tagungsbeobachter für die Projektgruppe "Münchner Siko verändern" zugelassen.

Wem nützt so eine Konferenz eigentlich?

Mohr: In erster Linie den dort versammelten Politikerinnen und Politikern, den Wirtschaftsleuten, auch den Vertretern der Rüstungsindustrie. Die Politik bekommt eine große Bühne - es fragt sich aber, ob da miteinander oder eher gegeneinander gesprochen wird. Ob also die Chance genutzt wird, sich mal über die Nato-Grenzen hinaus mit Russland, China zu unterhalten.

Wird da mehr Frieden organisiert, oder nehmen Sie mehr Angst mit von der Siko?

Ufermann: Im letzten Jahr ging es sehr viel um Threats, um Bedrohung, es wurde sehr viel Angst geschürt. In diesem Jahr wird mehr geschaut, wie wir mit der Situation umgehen, nach dem Siko-Motto "Peace through dialogue". Es ist aber immer wieder kritisch zu betrachten, wer dort aufs Podium darf und wer nicht.

Die USA und Russland haben gerade den INF-Vertrag zum Verbot von Mittelstreckenraketen aufgekündigt - kann so eine Konferenz da etwas zum Guten wenden?

Mohr: Am Freitag hatte ich mich richtig geärgert, als drei Redner hintereinander sagten, Russland habe diesen Vertrag gebrochen. Das waren die deutsche Verteidigungsministerin, der britische Verteidigungsminister und der Nato-Generalsekretär. Und niemand hat gesagt, dass Russland seinerseits schon lange den Vorwurf erhebt, die USA hielten sich nicht an den Vertrag. Ob das so dem Frieden dient?

Würden Sie da gerne mal dazwischenrufen?

Ufermann: Es bringt einen sehr auf den Boden der Realität. Man sieht einfach, wie viele Krisen, wie viele Probleme es gibt - und, vor allem, wie viel Ratlosigkeit. Wenn man bewaffnete Drohnen in die Welt schicken kann, sind Raketen ja gar kein Thema mehr. Die Welt ist überfordert mit der Entwicklung, es fehlen deutliche Antworten.

Sie lehren gewaltfreie Kommunikation, Frau Ufermann. Würden Sie sich gerne ein paar Siko-Leute vorknöpfen?

Ufermann: Die Menschen dort brauchen erst einmal Empathie. Ich erlebe Menschen, die an Strategien festhalten, Leute mit großen Ängsten, Sorgen, wie am Samstag der ukrainische Präsident: Da sterben täglich Menschen in seinem Land - der ist in Not. Der müsste mit seiner Not erst mal gehört werden, weil er sonst gar nicht in der Lage ist, in Gespräche zu gehen. Da geht es immer nur um: Wer ist der Gute, wer ist der Böse? Leider erhebt sich die westliche Gemeinschaft mit ihren Werten immer noch höher über andere, und solange wir uns nicht auf Augenhöhe begegnen, kommen wir zu keinen Lösungen.

Wieder wie im Kalten Krieg?

Ufermann: Nein, würde ich nicht sagen. Alle sehen, in was für einer schwierigen Lage die Welt ist, und sind an Lösungen interessiert. Ich fand die Gesprächsbereitschaft in diesem Jahr deutlich höher als im vorigen. Trotzdem gibt es massive Ängste, Verletzungen, Sorgen, wo es an Lösungen fehlt.

Würde es diese Lösungen bei der parallel stattfindenden Münchner Friedenskonferenz geben, Herr Mohr?

Mohr: Ich würde mir für die Siko wünschen, dass das, was auf der Friedenskonferenz besprochen und diskutiert wird, oder auch bei der Demonstration, dass das dort eine Stimme kriegt! Ich hab immer den Eindruck, das ist eine Einweg-Kommunikation. Die Sicherheitskonferenz spricht zwar zur Bevölkerung - aber wird denn in der Konferenz die Bevölkerung auch gehört? Inhaltlich wäre mir wichtig, dass man nicht von "Sicherheit" spricht - wovor muss man sich sichern, gegen wen... Da ist man immer schnell beim "Feind". Ich wünsche mir eine Friedenskonferenz, wo gemeinsam an Problemen gearbeitet wird.