Projekt Wegweiser im Labyrinth

So geht's: Stefan Fröba (links) und Gregorios Giannopoulos nehmen sich viel Zeit, um Menschen mit Migrationshintergrund die Arbeit mit dem Papierkram zu erleichtern.

(Foto: Florian Peljak)

Beim Pontis-Projekt der Diakonie Hasenbergl helfen Migranten einander durch den deutschen Behörden-Dschungel. Zum Gründungsteam der Einrichtung, die ihr zehnjähriges Bestehen feiert, gehört Gregorios Giannopoulos, der als "Lotse" noch immer mitarbeitet

Von Jerzy Sobotta

Nicht selten ist das deutsche Hilfesystem Fluch und Segen zugleich. Wer sich arbeitslos meldet, Wohn-, Eltern- oder Kindergeld beantragen will, der muss sich in einem bürokratischen Dickicht mit tausend Fallen zurechtfinden: lange Wartezeiten bei den Ämtern und seitenlange Formulare, gespickt mit Beamtendeutsch. Woran so manch ein Muttersprachler schon scheitert, das wird für jene, welche die deutsche Sprache nicht so gut beherrschen, oft zu einer unüberwindbaren Hürde. Ungezählten von ihnen hat Gregorios Giannopoulos aus der Not geholfen. Er ist ein sogenannter Lotse beim Pontis-Projekt der Diakonie Hasenbergl, das vor allem Migranten beim Behördengang zur Seite steht. Der 56-jährige Grieche gehört noch zum Gründerteam der Einrichtung, die dieses Jahr ihr zehnjähriges Bestehen feiert.

In den beiden Empfangsräumen am Walter-Sedlmayer-Platz 9 herrscht reges Treiben. Giannopoulos beugt seinen Kopf über ein Formular und erklärt einer Frau, auf welche Punkte im Antrag sie besonders achten muss. Sie ist eine von Dutzenden Klienten, die hier tagtäglich vorsprechen, um sich von Giannopoulos und seinen Kollegen Ratschläge zu holen. "Viele sprechen zum ersten Mal über ihre Probleme. Nicht selten haben sie Angst. Sie brauchen jemanden, der ihre Sprache spricht, zu dem sie Vertrauen aufbauen können", sagt Giannopoulos mit ruhiger Stimme. Verständnis und Vertrauen können sie von einer Behörde nicht erwarten.

Von einigen seiner Klienten kennt der Grieche die gesamte Lebensgeschichte - und meist ist sie nicht einfach. So hat er schon Wohnungslosen ein Obdach, misshandelten Frauen einen Platz im Frauenhaus vermittelt. "Doch meist kommen die Klienten mit praktischen Fragen. Sie suchen eine Wohnung oder müssen einen Brief ans Jobcenter schreiben", sagt er. Seit der Gründung hat Pontis schon fast 16 000 Menschen in gut 20 000 Fällen geholfen. Allein vergangenes Jahr waren es rund 3000 Personen.

Seit dem ersten Tag ist auch Stefan Fröba, Bereichsleiter der Diakonie Hasenbergl, dabei. "Damals gab es Hilflosigkeit auf beiden Seiten: Die Migranten wussten nicht, welche Leistungen es gibt und wie man sie beantragen kann. Und die Beratungsstellen, das Jobcenter und das Sozialbürgerhaus wussten nicht, wie sie sich mit den Menschen verständigen sollten und bekamen falsch ausgefüllte Formulare", berichtet er. Die Idee für die Gründung kam aus dem Berliner Wedding, wo es bereits ein ähnliches Projekt gab. Und aus Berlin kam anfangs auch ein Teil des Geldes, als Pontis 2008 als Pilotprojekt mit Bundesmitteln gegründet wurde. Der Bedarf in den Stadtteilen Hasenbergl, Harthof und Am Hart war damals groß und ist es bis heute geblieben. Denn in den Vierteln gehören Deutsche ohne Migrationshintergrund zur Minderheit, mehr als jeder Dritte ist Ausländer. Im Nordteil des Hasenbergls beziehen seit Jahren um die 14 Prozent der Bewohner Arbeitslosengeld II, das ist fast drei Mal so viel wie im städtischen Durchschnitt. "So wie wir Barrieren für Rollstuhlfahrer abbauen, sollten wir im Hilfesystem auch Sprach- und Kulturbarrieren überwinden", sagt Fröba. "Alle, die ein Recht auf Leistungen haben, müssen sie auch beziehen können."

Nach der Gründung ist Pontis schnell zu einem Erfolgsmodell geworden. Dieser Meinung sind nicht nur die Diakonie und die Ämter, sondern auch der Stadtrat, der das Lotsenprojekt 2011 in die Regelfinanzierung aufnahm, mit gut 90 000 Euro jährlich. Wegen der großen Nachfrage konnte die Diakonie in den folgenden Jahren zwei weitere Außenstellen in der Nordhaide und in Freimann eröffnen. Insgesamt zwölf Lotsen beraten die Hilfesuchenden nun in fünfzehn Sprachen, von Aserbaidschanisch über Thailändisch bis Ukrainisch. Fröba schätzt, dass in rund einem Drittel aller Stadtteile ein ähnlich niedrigschwelliges Angebot für Migranten nötig wäre. Und auch das Sozialreferat plädierte vor zwei Jahren für eine Ausweitung in andere Stadtteile, als darüber politisch diskutiert worden war. Gegenwind kam allerdings aus dem Rathaus, wo man den Erfolg geradezu fürchtete: Nicht finanzierbar, hieß es von Seiten der SPD und der CSU, die weitere Begehrlichkeiten befürchteten. Die Politiker im Rathaus zählen die Beratung in der Landessprache zum Aufgabenbereich der Sozialbürgerhäuser.

Die Lotsen hätten sich in den vergangenen zehn Jahre sehr professionalisiert, berichtet Giannopoulos. Wie die meisten seiner Kollegen ist der gelernte Drucker, als er arbeitslos war, als Ein-Euro-Jobber bei Pontis eingestellt worden. Er ist heute fest als Mentor angestellt und schult wöchentlich seine Kollegen. Denn ständig ändert sich ein Antrag oder eine Leistung. "Da muss man den Überblick behalten."

Auch völlig neue Aufgaben seien hinzugekommen, berichtet der dienstälteste Lotse: "Die Gastarbeiter sind jetzt im Rentenalter." Viele seien einsam, sprechen nicht gut deutsch und seien erstmals auf Hilfe angewiesen. "Wir helfen ihnen, einen Arzt zu finden, der ihre Sprache spricht. Oder jemanden, der sie kompetent in Rentenfragen berät." Hin und wieder kommen auch Deutsche, die sich beraten lassen. Für den Griechen ist das ein Zeichen gelebter Integration: "Wenn eine Frau mit Kopftuch einen Deutschen über das deutsche Hilfssystem berät."