SZ-Adventskalender "Jeder Mensch ist so gut, wie er ist - mit Behinderung oder ohne"

Das Viertel kennenlernen - auch das gehört dazu, wenn man selbstbewusst werden will: Kilian Ihler (rechts) und Eva Meyer von "Befähigen & Beteiligen" begleiten ihre Schützlinge. Alexander Eberle (Mitte) hilft mittlerweile anderen Menschen mit Behinderung.

(Foto: Florian Peljak)

Alexander Eberle ist mit einem Wasserkopf auf die Welt gekommen. Durch das Projekt "Befähigen & Beteiligen" unterstützt er mittlerweile andere Menschen mit geistiger Behinderung.

Von Nicole Graner

Alexander ist mutig. Sehr sogar. Weil er sein Leben in die Hand genommen hat und weil er seine Behinderung annimmt - auch wenn es Tage gibt, die nicht gut sind, die ihn herunterziehen und ihn in ein Loch fallen lassen. Und weil er so offen darüber redet, dass er seinen Zuhörer sofort berührt. Von Anfang des Gespräches an.

Nicht weil er pathetisch über sein Schicksal spricht, sondern mit Selbstbewusstsein und Freude. Weil er sein Leben, das er so sehr als Geschenk begreift, tatsächlich längst schon lebt. Und weil er etwas tun möchte dafür, dass es auch so schön bleibt. "Jeder Mensch ist so gut, wie er ist", sagt Alexander. "Mit Behinderung oder ohne." Er streicht mit seinen Händen durch das verwuschelte Haar, so als sei er selbst ein bisschen erstaunt darüber, was er da gerade gesagt hat. Er überlegt, lacht und nickt bestätigend: "Ja, so ist es."

In Workshops lernen Menschen mit Behinderung die eigenen Ansichten zu vertreten.

(Foto: Hannes Rohrer)

Alexander Eberle ist vor 30 Jahren mit einem Wasserkopf auf die Welt gekommen. Sein Handicap sieht man ihm nicht an. "Genau das Problem", sagt er. Immer müsse er daher erklären, was nicht stimme bei ihm. Er wächst bei seinen Großeltern auf. Bei ihnen findet er Geborgenheit, dort lernt er mit seinen starken Kopfschmerzen umzugehen, in jahrelangen Physio- und Ergotherapien die Feinmotorik zu schulen, den Gleichgewichtsschwankungen ein Schnippchen zu schlagen und Schnürsenkel zu binden. Er geht auf die Landesschule für Körperbehinderte und übernimmt Tätigkeiten im hauswirtschaftlich-gastronomischen Bereich sowie später in der Kinder- und Seniorenbetreuung.

Seine Eltern trennen sich, als er fünfeinhalb Jahre alt ist. Er liebt seine Großeltern über alles. Vor zweieinhalb Jahren stirbt der Großvater. Ein sehr, sehr schmerzhafter Einschnitt in Alexanders Leben. Seine Oma lebt in einem Heim, ist an Demenz erkrankt. Sie zu besuchen, fällt ihm immer schwer. "Ich kann da nicht oft hin, es brennt dann zu sehr im Herz", sagt er. Und er müsse sich selbst schützen, weil er sonst in ein Loch falle und daran kaputtgehe. Aber er lässt sich nicht unterkriegen und lebt heute eigenständig in einer kleinen Wohnung in Giesing. Auf 27 Quadratmetern.

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Wie hat er es geschafft, nicht zu verzagen, so selbstbewusst zu sein? Da kommen der Verein "Gemeinsam leben lernen" ins Spiel und das Projekt "München für alle", das von September 2015 bis August dieses Jahres Freizeit- und Kultureinrichtungen für junge Menschen mit kognitiver Behinderung geöffnet hat.

Alexander macht mit und hilft als Ehrenamtlicher anderen Menschen mit Behinderung, begleitet sie durchs Viertel oder bringt zum Beispiel ein junges, geistig behindertes Mädchen zu einer Chorprobe nach Sendling. Er lernt das Ehrenamt schätzen und damit sich wertschätzen. Er lernt andere Menschen mit anderer Behinderung kennen. Menschen, wie Alexander sagt, die es schwerer hätten als er selbst. "Vieles wird leichter, wenn man selbst nur ein bisschen die Sichtweise ändert." Und Alexander beginnt, seine Fähigkeiten stärker auszuloten, seine Meinung zu äußern. Klar und deutlich.

Genau an diese Stelle will nun das Projekt "Befähigen & Beteiligen" anknüpfen, die Erfahrung aus "München für alle" in ein neues Konzept einbetten, das in erster Linie vor allem eines will: Kompetenzen zur Partizipation schulen. "Menschen mit Behinderungen", sagt Kunstpädagoge Kilian Ihler, "tun sich schwer, sich selbst zu begreifen, also ihre Fähigkeiten deutlich zu formulieren, ihre Wünsche." Viele wüssten zum Beispiel gar nicht, was es überhaupt für Angebote in der Stadt gebe, sie ziehen sich zurück.

"Daraus entsteht eine Passivität", sagt Sozialpädagogin Eva Meyer, "die die Menschen immer weiter aus dem Alltag ausschließt." Es gehe darum, die Menschen mit unterschwelligen Angeboten zu selbständigem, partizipativem Handeln zu ermuntern. "Dazu gehört es auch", sagt Ihler von "Befähigen & Beteiligen", Vorgaben beispielsweise von Eltern oder Betreuern zu hinterfragen. Sich also die Frage zu stellen, ob man das, was andere entscheiden, auch wirklich will.