Proberäume in München:180 Euro - für den Mittwoch

Lesezeit: 3 min

Container-Dorf für Musiker in Allach

In einem Container-Dorf in München-Allach können Musiker Proberäume anmieten - 15 Quadratmeter für 180 Euro.

(Foto: Florian Peljak)

Wände aus Pappe, Räume ohne Heizung oder Toiletten: Wer Popmusik machen will, muss leiden. Doch nirgends ist es so schwierig, einen akzeptablen Proberaum zu finden, wie in München.

Von Felix Reek

Der ältere Herr mit italienischem Akzent sagt, er hätte da "etwas ganz Besonderes" für mich. Ich glaube ihm sofort: Der Eingang liegt zwischen einer Russendisco und einem Striptease-Schuppen in der Münchner Kultfabrik. Wir betreten das Gebäude. Über ein wackliges Gitter geht es zwei Stockwerke hoch, dann durch dunkle Gänge und einen langen vollkommen leeren Saal. An dessen Ende: eine Stahltür. Dahinter öffnet sich ein großzügiger, vielleicht 50 Quadratmeter großer Raum. "Das ist der Proberaum", sagt der ältere Herr, "kostet 180 Euro." Begeisterung. Das ist sie also endlich, die große weite Welt. In München macht man nicht im Waschkeller Musik, sondern in Hallen! München, meine neue Heimat. Dann fügt der Vermieter hinzu: "für den Mittwoch".

So schnell landete ich vor elf Jahren in der Realität. Mein Vermieter holte das Maximum aus seinem Objekt: sieben Tage in der Woche, sieben Mieter. Die Halle in der Kultfabrik wurde mein erster Proberaum in der bayerischen Hauptstadt. Wenn wir abends ankamen, beobachteten meine Band und ich, wie Stripperinnen sich auf schwindelerregenden Absätzen grazil aus Limousinen wanden. Wenn wir gingen, sahen wir junge Russen die Treppe vor der Disco hinunterfallen.

Ich würde jetzt gern sagen: Es wurde besser. Als Musiker hat man immer Hoffnung. Hoffnung auf einen Plattenvertrag, auf das nächste Konzert oder zumindest auf einen anständigen Proberaum. Das ist es, was einen antreibt. Erfüllt wird davon oft wenig. Was in Ordnung ist. Wer Musik wirklich mit Leidenschaft betreibt, hat zunächst keine kommerziellen Interessen. Es ist ein innerer Drang. Doch diesem möchte man sich zumindest in einer menschenwürdigen Umgebung hingeben.

Angefangen hat alles im Waschkeller

Über die Jahre habe ich in unzähligen Proberäumen gestanden. Zuerst mit 16 im Waschkeller der Tante des Gitarristen meiner ersten Band. Dann in der Universitätsstadt Marburg in einem feuchten Verschlag direkt vor einem Privathaus. Die Vermieterin: eine Dame in den mittleren Jahren, zumeist in Lederhosen und Rüschenbluse, die wir wenig einfühlsam "die Rock-Bitch" nannten. Wir waren jung, undankbar und wussten es nicht besser.

Der nächste Proberaum kam ohne Waschmaschine und Groupie im Ruhestand aus. Leider auch ohne Tür. Er lag 30 Kilometer entfernt in einem alten Kasernengebäude in Gießen. In Münster stand ich in einem Keller, dessen Vorraum fünf Zentimeter unter Wasser stand. Die Liste ließe sich fortsetzen. Münster, Marburg, Gießen, sie alle vereint: Es waren Räume in schlechtem Zustand, überteuert, mit langen Wartelisten und sanitären Anlagen, für die sich jeder Bahnhof schämen würde. München kann das toppen: Hier gibt es all das - zum dreifachen Preis.

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