Süddeutsche Zeitung

Drama um geflüchteten Musiker:Er will einfach sicher leben und Musik machen

Lesezeit: 3 min

Osagie Airen alias Prince White, Sänger der Band "Vue Belle", soll abgeschoben werden. Das Kulturreferat und viele Künstler in München stehen hinter ihm. Nur eine Berufsausbildung kann dem Nigerianer anscheinend noch helfen.

Von Sabine Buchwald

Osagie Airen sucht einen Ort, an dem er in Sicherheit leben, arbeiten und Musik machen kann. Wo er herkommt, ist das nicht mehr möglich. Warum sonst hätte er Nigeria, seine Familie und seine Freunde dort verlassen? "It was not a plan to be refugee", es war nicht geplant, Geflüchteter zu sein, sang Osagie Airen vor knapp fünf Jahren auf dem Heimatsound-Festival vor vielen Hundert Menschen in Oberammergau. Das Publikum klatschte damals zustimmend mit und wählte den Song "Refugee" und die Band Vue Belle auf den dritten Platz des Wettbewerbs. Wahrscheinlich ahnten die wenigsten, wie es sich anfühlt, aus der Heimat fliehen zu müssen, was es bedeutet, ein Flüchtling zu sein. Osagie Airen, der sich als Sänger "Prince White" nennt, ist es nach all den Jahren immer noch, ein Geflüchteter. Dabei hat er Freunde in München, eine Arbeit und die Möglichkeit, Musik zu machen. Jetzt soll er abgeschoben werden. Sein Asylantrag wurde abgelehnt.

Die Abschiebung von Prince White wäre für München "sehr bedauerlich", das ist die "klare Position" des Kulturreferats. "Prince White bereichert die Stadt als Musiker, wir würden uns sehr freuen, wenn er eine Bleibeperspektive hätte", teilt Elke Richly, die Volkskulturbeauftragte, auf Nachfrage mit. Dies klingt verhaltener, als sie es wohl meint. Denn auch Richly, die das Mitte Mai stattfindende Festival "LautYodeln" mitorganisiert, kennt Prince White schon seit Längerem als besonderen Musiker. Zusammen mit der Sängerin Anna Veit wird er an zwei Abenden auf dem Festival auftreten.

Veit hat an der Münchner Musikhochschule und am Konservatorium in Wien studiert. Sie sagt über ihren nigerianischen Kollegen: "Prince White ist ein Poet und ein sehr musischer Mensch." Er sei zwar kein Opernsänger, aber könne sofort alles nachsingen. Sie schwärmt davon, wie er auf der Bühne mit ihr in das Call- und Response-Spiel einsteige. Auch beim Jodeln. Er habe sofort alles verstanden, was diese Art zu singen mit Sängern mache, sagt Veit. Sie ist begeistert von seiner Offenheit, seiner Energie und großen Bühnenpräsenz. Selbst bei den Proben versprühe Prince White eine irrsinnige Energie. Dass allein die Rechtslage über den Verbleib eines aus dem Ausland stammenden Menschen entscheide, und dass geflüchtete Künstler eine so "schlechte Lobby" haben, verstört die Sängerin. "Ihr Können und ihre Ausbildung werden nicht anerkannt."

Osagie Airen lebt seit gut sechs Jahren in München. Er kam über Italien nach Fürstenfeldbruck in ein Flüchtlingscamp, wurde dort wegen seiner Traumata von einer Psychiaterin betreut. Er fasste Mut und bewarb sich erfolgreich an der Münchner Kunstakademie. Zwei Jahre konnte er dort in der Medien-Klasse bei Professor Nils Norman studieren, musste sein Studium aber aufgegeben, weil er es sich finanziell nicht mehr leisten konnte.

Grotesk, aber wahr: Auch ein Studium würde nicht als Ausbildung für ein vorübergehendes Bleiberecht ausreichen. Nur eine Berufsausbildung bleibt Osagie Airen jetzt als Chance, seinen Aufenthalt in München zu verlängern - nach Ermessen der Ausländerbehörde.

Im Moment arbeitet er als Gabelstaplerfahrer. Könnte der 37-Jährige eine drei Jahre dauernde Lehre machen, wäre danach eine Aufenthaltserlaubnis möglich.

Wenn Osagie Airen Deutschland aber nun tatsächlich sofort verlassen muss, verlöre München einen Künstler und ein wichtiges Geflüchteten-Projekt. Zusammen mit dem Verein "The Long Run" hat er Vue Belle gegründet. Alle Bandmitglieder haben Fluchterfahrung oder Migrationshintergrund, finden im Singen und bei Auftritten Bestätigung und Ausgleich zu ihrem belasteten Alltag. Der Leadsänger schreibt viele der Afropop-Songs selbst, flicht seine Erfahrungen mit ein, singt von Hass und Humanität, von Freiheit und Tod, aber nie larmoyant. Vue Belle ist unter anderem im NS-Dokumentationszentrum aufgetreten, war bei der Langen Nacht der Musik dabei, im Theatron und mehrmals in den Münchner Kammerspielen zu hören. Aktuell sind die Musiker nun beim LautYodeln-Festival einer der Höhepunkte.

In dem Geflüchteten-Hilfs-Verein "The Long Run" ist man entsetzt über die drohende Ausweisung des nigerianischen Sängers. "München darf diesen wichtigen Kulturschaffenden der Stadt nicht verlieren", heißt es in einer Pressemitteilung des Vereins. "Er leistet einen wichtigen Beitrag als herausragender Musiker und Künstler für unsere Gesellschaft." Paul Huf, der selbst Künstler ist, hat den Verein vor zwei Jahren gegründet. Er kennt das Schicksal des Sängers aber schon seit dessen Ankunft in Deutschland. Prince White hat ihm von nigerianischen Clans, vom Tod des Bruders, der Bedrohung der Mutter und brutalen Erlebnissen auf der Flucht erzählt hat. Dennoch, sagt Huf, sehe sich Prince White nie als Opfer. Was er wolle, ist leben und Musik machen, so wie früher in Nigeria. "Er ist Künstler durch und durch und hat schon oft bewiesen, dass er Deutschland guttut", sagt Huf. "Er leistet etwas, was wir als Gesellschaft brauchen können." Es wäre sinnvoll, wenn man mehr Kraft in die Teilhabe der Menschen in unsere Gesellschaft stecken würde als in ihre Abschiebung, davon ist Huf überzeugt.

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