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Premiere:Ballett der Pixel

Salome

Vom Spiel zur Wirklichkeit: Die Tänzer posen als Avatare für die Kamera.

(Foto: Marie-Laure Briane)

Die Uraufführung von Eyal Dadons "Salome tanz" am Gärtnerplatztheater vermengt Computerspielästhetik mit aktueller Weltpolitik

Der Mythos von Salome ist düster und stark. Zahlreiche künstlerische Bearbeitungen gibt es bereits. Der israelische Choreograf Eyal Dadon hat sich nun für die Ballett-Kompanie des Gärtnerplatztheaters an eine neue gewagt. Dafür setzt er der Geschichte allerdings zwei mythoszersetzende Komponenten entgegen: Androide Digital-Ästhetik und Zufall. Heraus kommt dabei ein cyber-futuristisches Ballett-Computer-Spiel, dessen Narration sich nur noch schemenhaft-abstrakt auf Salome bezieht.

Schon im Vorfeld konnten potenzielle Zuschauer via Internet abstimmen, welchen Verlauf die Geschichte nehmen soll. Allerdings blieb die Wahl verklausuliert, wenn man sich etwa zwischen Mayonnaise und Ketchup (49,7 zu 50,3 Prozent) oder zwischen Kammer/Chamber und Käfig/Cage (45 zu 55 Prozent) entscheiden musste. Ketchup-Blut gibt es dann gleich zu Beginn mit dem makaber-albernen Bild, dass ein Geköpfter Pommes in seine Wunde am Hals taucht.

Kammer und Käfig kommen musikalisch letztlich beide vor. Und die Mischung aus Franz Schrekers melosreicher "Kammersinfonie" und John Cage funktioniert; vor allem Cages Sonaten für präpariertes Klavier, dieser Computermusik ohne Computer, sind ein herrliches Pendant zu diesem Computerspiel ohne Computer. Aber die Musik ist sowieso groß: Über Schubert führt sie zu den zeitgenössischen, aber berührend melodischen Stücken von Caroline Shaw. Alles höchst pointiert und in ungewöhnlichen Besetzungen von den Musikern des Gärtnerplatzorchesters unter Michael Brandstätter musiziert.

Aber zum Tanz: In der ersten Hälfte dominieren die Bewegungen und Perspektiven eines Ego-Shooter-Spiels: die Knarre auf Anschlag und dann heißt es Jump'n'Run. Die Idee ist nicht neu, die gerasterten und den menschlichen Körper immer unzulänglich nachahmenden Bewegungen der Computerspielfiguren tänzerisch umzusetzen. Formal setzt Dadon diese nun in klassische Raumformationen. Statt Schwänen reihen sich die Pixel auf. Doch Videoprojektion, Schrifteinblendungen und Körper fügen sich zunächst nicht präzise genug zusammen, als dass ein geschlossenes Bild entstehen könnte.

Zum Adagio aus Schuberts Streichquintett entwickeln vier Herren-Soli in plötzlichem Purismus aber eine ungemeine tänzerische Stärke. Und die setzt sich fort. Etwa wenn der Tanz wie unter Bedrohung wirkt, voyeuristisch von der Kamera eingefangen und eine Ahnung von der zum Schleier-Tanz gezwungen Salome im Mythos hinterlassend - aber mit völlig zeitgenössischen Mitteln umgesetzt. Oder wenn die holzschnittartigen Gesten der Computerspielfigur nun doch vom schlichten Zitat zum eigenen Stil werden und daraus verstörende Bilder der Köpfungsszene entstehen.

Letztlich bleibt der Eindruck zwischen alberner Künstlichkeit und dem bitteren Ernst von Posen wie einem Knienden, der auf seine Exekution wartet. So verweist Dadon letztlich in zwinkernder Spieler-Ästhetik vom biblischen Mythos auf die drängend-realen Konflikte des nahen und mittleren Ostens. Das ist mutig, beklemmend und über weite Strecken sehr gut.

Salome tanz, nächste Vorstellung: Dienstag, 3. März, 19.30 Uhr, Gärtnerplatztheater, Gärtnerplatz 3

© SZ vom 02.03.2020

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