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Praktische Schachtelsätze:Zigarettenromane von Blumenbar

Saftige Prosa statt Todeslyrik.

Von Jochen Temsch

Die EU-Gesundheitsminister raten nicht dazu, aber es stimmt trotzdem: Warnhinweise auf Zigarettenschachteln fördern die Kreativität. Das zeigt schon die Lyrik der behördlichen Mahner selbst. Ihr Zwei- und Dreizeiler bestechen durch schlichte Transparenz.

Ihre Aussagen sind eindeutig, ihre Grundanmutung durchdrungen von barocker Todesahnung im Angesicht des Genusses: "Rauchen kann zu einem langsamen und schmerzhaften Tod führen", "Raucher sterben früher". Aber die wirkliche Herausforderung für Künstler ist seit Erlass der EU-Richtlinie im vergangenen Jahr die Bemäntelung des trauerumflorten Memento mori.

Es gibt eine Münchner Agentur, die den suchtgefährdenden Sprüchen bildende Kunst auf papiernen Überziehern entgegen wirft - pralle Blondinen sind das bevorzugte Bildsujet; es gibt den Haidhauser Grafiker Hias Schaschko, der die düsteren Verse mit Dichtkunst im Stil von "Hüte dich vor allem was es gibt!" und "Biertrinken ist gesund!" persifliert. Und jetzt gibt es den vorläufigen literarischen Höhepunkt der künstlerischen Contra-Bewegung: leicht übertrieben Zigarettenromane genannte Schachtel-Sätze vom Verlag Blumenbar.

Die erste Edition bietet Kurzgeschichten von Maxim Biller, Doris Dörrie, Wladimir Kaminer, Helmut Krausser und Joseph von Westphalen. Statt als Taschenbuch oder Hardcover sind diese Storys im Format "Normal Size" für Standardpackungen und "French Size" für die in Intellektuellenkreisen besonders geschätzten Gauloises erhältlich. Unter dem Motto "Ab igne ignem" ("Feuer vom Feuer") sind die Romane auf kartonierte Hüllen gedruckt, die über die Zigarettenschachteln geschoben werden.

Das sieht dann nicht nur ganz appetitlich aus, es geht auch ohne weiteres als adäquates Flirtzeug bei Zusammenkünften gebildeter Partygänger durch. Beim "Temporären Klangmuseum" oder beim Montagsclub im Volkstheater können Paarungswillige in Zukunft statt "Hast du mir vielleicht Feuer?" einfach standesgemäß "Willste mal lesen?" sagen. Und Nil muss auch niemand mehr zwangsläufig rauchen, der sich etwas interessanter zu machen müssen meint. Passend dazu handeln die Romane fast durchweg von Sex und Liebe.

Maxim Biller bringt mehr Trieb-, Verlieb- und Entliebhandlung auf den wenigen Quadratzentimetern unter als andere Kollegen in ganzen Backsteinen von Prosa. Joseph von Westphalen erzählt eine nette interkulturelle Hochzeitsstory. Doris Dörrie erzählt von einer unfreiwilligen Ferrari-Spritztour mit überraschendem Ende - das allerdings so abrupt kommt, dass es sich liest als hätte die Autorin doch gerne mehr Platz zum Beschreiben gehabt. Helmut Krausser konstruiert einen wunderbar dichten Plot um einen Herrn, der seinen Fingern Mädchennamen gibt und aus lauter Eifersucht nur noch Handschuhe trägt.

Auch Wladimir Kaminer porträtiert einen einsamen Onanisten. Er ist außerdem der einzige Autor, bei dem das Rauchen vorkommt. Sein Held wirft eine Zigarettenschachtel weg, auf der eine Telefonnummer steht. Besitzern von Zigarettenromanen kann das nicht passieren. Wer schmiert schon auf Literatur herum.

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