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Praktiker-Insolvenz:Der große Ausverkauf

Praktiker Baumarkt

Gelb, Blau, Schwarz? 170 Mitarbeiter dreier Märkte in Trudering, Haidhausen und Neuaubing wissen nicht, wie es weitergeht.

(Foto: Oliver Dietze/dpa)

Praktiker ist pleite. Während die drei Münchner Baumärkte schließen müssen, ist noch offen, wie es für die Mitarbeiter weitergeht. Der große Ausverkauf soll allerdings noch in dieser Woche starten.

Von Katja Riedel

Noch wissen sie nicht, wie es für sie weiter gehen wird. Für die 170 Mitarbeiter der drei Münchner Praktiker-Märkte in Trudering, Haidhausen und Neu-Aubing ist es eine Woche höchster Unsicherheit. In der vergangenen Woche haben sie erfahren, dass das blau-gelbe Schild "Praktiker" definitiv von ihren Filialen verschwinden wird. Und zwar sobald die Ware verkauft ist, die sich jetzt noch in den Regalen befindet. Denn die vorläufige Insolvenzverwaltung hat die Suche nach einem Investor, der die Baumarktkette und die Marke erhalten will, aufgegeben. Ob bald ein Logo eines Konkurrenten an den Fassaden der Münchner Märkte erscheinen wird, das wissen die Mitarbeiter nicht.

Noch in dieser Woche soll der große Ausverkauf starten, heißt es seitens der Insolvenzverwaltung. "Das genaue Datum, wann der Abverkauf startet, steht noch nicht fest", sagte ein Sprecher am Dienstag, "es steckt noch einige Organisation dahinter". Auf der Internetseite von Praktiker ist in knalligem Pink und Gelb allein jener Satz zu lesen, der bei manchem Mitarbeiter zynisch ankommen könnte: "Jetzt noch schnell Schnäppchen sichern", heißt es da.

Es seien trotz der Zahlungsunfähigkeit noch viele Waren in den Läden, sagt der Sprecher. Und die sind ein Problem: Leergeräumt lassen sich die Häuser besser verkaufen. Denn auch wenn einer der Konkurrenten eine der Filialen übernehmen wolle, hätten Investoren kein Interesse an Praktiker-Ware, sagte der Sprecher. Das Ziel sei eine Investorenlösung bis zum 1. Oktober. Die Insolvenzverwalter hoffen, dass für möglichst viele der Märkte, auch für die Münchner, Investoren gefunden werden.

Sehr zuversichtlich gibt man sich, die zu Praktiker gehörende Gruppe Max Bahr als Ganzes verkaufen zu können und in das Gesamtpaket dazu noch einige ehemalige Praktiker-Märkte einzubinden. Eine Kündigung hat bisher keiner der Mitarbeiter bekommen. In den nächsten Tagen soll sich klären, ob es für sie eine Transfergesellschaft geben wird, in der die Mitarbeiter Zeit überbrücken und in Ruhe eine neue Arbeitsstelle finden können. Die Gewerkschaft Verdi fordert eine Transfergesellschaft, die Verhandlungen dazu laufen in diesen Tagen.

Obi-Märkte werden zu Hagebaumarkt

Die Praktiker-Pleite sorgt in München auf einem Markt für Wirbel, auf dem ohnehin viel los ist. Der bisherige Marktführer Obi wird seine Spitzenposition in diesem Jahr verlieren und in München mit nur noch vier Filialen vertreten sein. Zum ersten Oktober werden zunächst acht von bisher 20 Obi- zu Hagebaumärkten umgebaut. Bis zum Jahresende wechseln noch acht weitere Häuser. All diese 16 Märkte hat Obi bisher nicht selbst betrieben, sondern ein Franchise-Nehmer, die HEV Heimwerkermarkt Verwaltungs GmbH. Diese gehört vier Familien, die nun beschlossen haben, die Zusammenarbeit mit Obi komplett zu beenden.

Hinter der Entscheidung steckt ein harter Preiskampf. Obi hatte den Vertrag mit HEV nach 20 Jahren gekündigt und einen neuen angeboten - zu ungünstigeren Bedingungen. Hagebau ist ausschließlich im Franchise-System organisiert und biete HEV mehr Möglichkeiten, unternehmerisch tätig zu sein, teilt das Unternehmen mit. Alle 1200 Arbeitsplätze sollen erhalten bleiben. Den bisherigen Obi-Markt in Martinsried wird HEV zum 30. September zwar schließen. Dafür wird es jedoch Ersatz geben: einen neuen Markt in Sendling, der schon im Bau ist. Wie Obi diesen Angriff auf die Marktführerschaft kontern wird, ist noch unklar.

Äußerungen zur Situation bei den Heimwerkermärkten gibt es auch von ungewöhnlicher Seite: Der Verdrängungskampf der Baumarktketten habe mit der Praktiker-Pleite sein erstes Opfer gefunden, verkündete der Landesbund für Vogelschutz (LBV) am Montag. Dies sei nicht nur ein Desaster für die Mitarbeiter, die ihre Arbeit verlieren könnten, sondern auch in ökologischer Hinsicht. Viele Münchner Baumärkte stünden in ehemals bedeutsamen Kultur- und Naturlandschaften, und das betreffe auch zwei der Praktiker-Häuser, die nun zum Verkauf stehen.

Für die 2009 eröffnete Filiale in der Truderinger Schwablhofstraße seien laut LBV bedeutsame Lebensräume für Amphibien vernichtet worden. Der LBV beklagt außerdem, dass der Pasinger Praktiker am Gleisdreck in eine schützenswerte Heidelandschaft hinein gebaut worden sei. "Wir müssen den Baumarkt-Wahnsinn jetzt stoppen. Er ist ökologisch nicht mehr verantwortbar", fordert Heinz Sedlmeyer, Geschäftsführer des LBV München.

© SZ vom 11.09.2013/mmo

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