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Prävention sexueller Gewalt:"Die Schulen sind überfordert"

Der Münchner Verein Amyna engagiert sich seit 20 Jahren für die Prävention sexueller Gewalt. Ein Gespräch über Defizite in sozialen und schulischen Einrichtungen und wie Eltern ihre Kinder schützen können.

Christine Rudolf-Jilg arbeitet als Sozialpädagogin für Amyna e.V. Ein Gespräch über Defizite in sozialen und pädagogischen Einrichtungen und wie Eltern ihre Kinder schützen können.

Gesetz soll Kinder foerdern und schuetzen

Seit 20 Jahren kämpft der Münchner Verein Amyna e.V. gegen sexuellen Missbrauch bei Kindern und Jugendlichen.

(Foto: ddp)

sueddeutsche.de: Frau Rudolf-Jilg, wie kommt es, dass in den vergangenen Monaten so viele Missbrauchsopfer den Mut fanden, um von den an ihnen verübten Übergriffen zu sprechen?

Christine Rudolf-Jilg: Ein Grund ist sicherlich der Aufruf des Leiters des Berliner Canisius-Kollegs, Pater Klaus Mertes. Er hatte, nachdem er von Missbrauchsfällen in seiner Einrichtung gehört hatte, die Opfer dazu ermutigt, sich zu melden. Außerdem versprach er, dass man den Opfern Glauben und Gehör schenken würde. Das war ein wichtiges Signal. Vor allem bei Kindern wissen wir, dass sie diese Versicherung, ihnen zu glauben und sie zu unterstützen, benötigen, um über Missbrauchsfälle zu sprechen.

sueddeutsche.de: Wurde denn in der Vergangenheit die Glaubwürdigkeit von Opfern angezweifelt?

Rudolf-Jilg: Manchmal leiden Opfer auch später noch so sehr unter den Misshandlungen, dass ihr Leben nicht unbedingt in geraden Bahnen verläuft. Sie können zum Beispiel Probleme mit Drogen haben oder keine stabile Beziehung führen, und das kann wiederum verwendet werden, um ihre Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen. Aber nach dem Aufruf von Pater Mertes meldeten sich plötzlich so viele Betroffene, dass man die Vorwürfe nicht mehr kleinreden konnte. Selbst wenn hohe Würdenträger und angesehene Persönlichkeiten beschuldigt wurden.

sueddeutsche.de: Wie wirken sich diese Enthüllungen auf Ihre Arbeit bei Amyna e.V. aus?

Rudolf-Jilg: Seit März ist die Anzahl der Anfragen deutlich gestiegen, etwa um 30 Prozent. Vertreter von Einrichtungen wollen sich informieren, wie man diese sicherer für Kinder und Jugendliche machen kann. Eigentlich sind wir nur für München zuständig, aber mittlerweile melden sich auch Einrichtungen vom Bodensee oder Garmisch-Partenkirchen.

sueddeutsche.de: Sie haben sich bei Amyna die Prävention sexueller Gewalt zum Ziel gesetzt. Wo setzen Sie mit Ihrer Arbeit konkret an?

Rudolf-Jilg: Wir beraten keine Opfer, sondern vermitteln Erwachsenen zum Beispiel, wie Täter vorgehen, welche Konstellationen sexuelle Gewalt begünstigen, etwa die besondere Nähe von Aufsichtspersonal und Schutzbefohlenen in pädagogischen oder sozialen Einrichtungen. In Schulungen informieren wir Erzieherinnen und Erzieher darüber, welche Vorkehrungen man treffen kann, um das Risiko sexueller Übergriffe zu minimieren. Etwa, worauf man bei der Einstellung von neuem Personal achten soll oder welche Vorkehrungen getroffen werden können, damit die Kinder beim Mittagsschlaf sicher vor dem Missbrauch durch Mitarbeiter sind. Oder wie im konkreten Verdachtsfall am besten vorzugehen ist.

sueddeutsche.de: Wird dieses Wissen dem Personal nicht während seiner Ausbildung bereits vermittelt?

Rudolf-Jilg: Nein, leider spielt das bislang kaum eine Rolle. Durch die aktuellen Ereignisse ist die Problematik zum ersten Mal ins Blickfeld von Einrichtungsleitern und Personal gerückt. Ohne geschultes Personal passiert, was in der Vergangenheit leider sehr oft geschehen ist. Kinder wenden sich nach einem Übergriff an Erwachsene, stoßen bei diesen jedoch auf Inkompetenz, Überforderung und Panik. Im schlimmsten Fall versandet die Angelegenheit und den Vorwürfen wird nicht nachgegangen.

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