Wie sexy Umweltschutz sein kann, haben die feministischen Ikonen Beth Stephens und Annie Sprinkle mit ihrem „ökosexuellen Wanderritual“ im Lenbachhaus-Garten vor einiger Zeit vor Augen geführt. Nun folgt eine weitere Veranstaltung unter einem queer-feministischen und ökologischen Stern. Als ein Teil der Reihe „Buntes Garten Ciao“ im Lenbachhaus kommen die beiden Münchner Künstlerinnen Jana Korb und Ella von der Haide als „post-anthropozentrischer Zirkus“ in den Garten und zeigen dort eine Luftartistikshow, gepaart mit mikrobiellen Fakten.
Der post-anthropozentrische Zirkus wurde 2021 von den Münchner Künstlerinnen Jana Korb und Ella von der Haide gegründet und tritt mit seinen interaktiven Performances vorwiegend im Münchner Umland auf. Im Zentrum ihrer Kunst steht der queere Ökofeminismus. Der ist neben einer Philosophie auch eine politische und soziale Bewegung, die Zusammenhänge zwischen der patriarchalen Unterdrückung von Frauen und Umweltzerstörung sieht. Der queere Ökofeminismus ergänzt noch all jene, die ebenfalls unter dem Patriarchat leiden. Für von der Haide bedeutet der queere Aspekt vor allem eine kritische Herangehensweise an Ökologie. In ihrem Dokumentarfilm „Queer Gardening“ zeigt sie, wie queeres Gärtnern aussehen kann und queer-feministische Ökologien erschafft.
Bei der Reihe „Buntes Garten Ciao“, die mit ihrem Namen die Bundesgartenschau persifliert, zeigen die Künstlerinnen das Stück „Untergrund – ein Tanz mit dem Edaphon“. Das Edaphon meint die Gesamtheit aller im Boden lebenden Organismen und ist in der Performance nicht nur Statist, sondern Protagonist der Show. Die Luftartistin Jana Korb bewegt sich dabei zwischen Trapez-Artistik in der Luft und einem Erdhaufen am Boden, in den sie sich hineingräbt und aus dem sie wieder hinausgezogen wird.
Ella von der Haide fungiert in dem Stück als Dompteurin und leitet die Performance. Da der Garten im Lenbachhaus unter Denkmalschutz steht, bringen die Artistinnen ihren eigenen Kompost mit, der dann von allen Leuten berührt und beschnuppert werden kann. „Uns ist die Multi-Sensorik wichtig, damit die Leute mit den Stoffen selbst in Kontakt kommen“, sagt von der Haide. Das Mikrobiom, also die Gesamtheit aller Mikroorganismen in einem Habitat, wird den Zuschauenden so nähergebracht.

Nach dem performativen Teil öffnet sich das Ganze für alle. Bei einem Tattoo-Workshop können sich die Teilnehmenden mit abwaschbarer Farbe Mikroben auf die Haut malen. Durch den Workshop kämen die Leute ins Gespräch und hätten Spaß, so von der Haide. Für sie hat das „Tätowieren“ aber noch eine andere Bedeutung: „Ich finde den Bereich der Haut spannend, weil sie oft als Außengrenze des Körpers dargestellt wird, dabei leben diese Mikroben auch auf uns – wir selbst sind auch Lebensraum“. Sie bezeichnet es auch als eine Übung der Dankbarkeit. „Mikroben sind nicht nur Krankheitserreger, sondern der größere Teil ist gut für uns – das müssen wir wieder umlernen“. Der Ansatz ist also, mit Humor, Empathie und Spaß an das Thema heranzugehen. „Wir machen hier keine ernsthafte Umweltpädagogik“, so Ella von der Haide.
Sie und Jana Korb stammen aus München und haben sich am Pestalozzi-Gymnasium kennengelernt, und zwar im Kunstleistungskurs. „Kunst in einem Bereich zu machen, wo alle anderen musizieren, das schweißt zusammen“, sagt von der Haide. Seit 1991 treten sie als Kollektiv zusammen mit anderen Kunstschaffenden immer wieder unter dem Namen „p.a.K.T“ (peripher absurdes Kunst Tribunal) auf, 2021 gründeten sie zu zweit gemeinsam den post-anthropozentrischen Zirkus.

Vom Prinzip des Anthropozäns, jenem Zeitalter, in dem der Mensch alles beherrscht, will sich der Zirkus bewusst distanzieren. Er weist dem Menschen eine Rolle jenseits des Zentrums zu und verteidigt andere Lebewesen gegen patriarchale, kapitalistische und rassistische Ausbeutung. Weil aber auch schwergewichtige Themen mit etwas Unterhaltung und Spaß besser beim Publikum ankommen, nutzt das Kollektiv Elemente, die schon jedes Kind aus dem Zirkus kennt: Mitfiebern, Mitleiden, Mitfühlen. Und das Ganze dann nach dem Motto: „Wir lieben das Mikrobiom!“
Untergrund – Ein Tanz mit dem Edaphon, eine Performance des post-anthropozentrischen Zirkus, 11. und 12. Juli, Garten im Lenbachhaus München

