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Porträt:Vielstimmige Heimat

Geige spielt Katharina Baur seit ihrer Kindheit, Literatur hat sie an der Universität Augsburg studiert.

(Foto: Eva Pöhlmann/Bezirk Oberbayern)

Katharina Baur stellt die Weichen für das Zentrum für Volksmusik, Literatur und Popularmusik in Bruckmühl neu - und steht vor großen Herausforderungen

Von Sabine Reithmaier

Wer stehen bleibt, verliert - da ist sich der oberbayerische Bezirkstagspräsident Josef Mederer (CSU) ganz sicher. Der Satz erklärt vielleicht, warum er so entschlossen die Umwandlung des Volksmusikarchivs in Bruckmühl, bislang eher nur Eingeweihten bekannt, in ein großes Zentrum für Volksmusik, Literatur und Popularmusik betreibt und jetzt auf einer Pressekonferenz begeistert die neue Chefin des Hauses vorstellte. Seit 1. Juni leitet Katharina Baur das "Zemuli". Gemeinsam mit ihrem Team soll sie das Archiv binnen weniger Jahre in das literarische und musikalische Gedächtnis Oberbayerns umwandeln. "Schon eine Herausforderung", sagt die junge Chefin, zweifelt aber nicht daran, dass ihr das gelingen kann. "Mir ist wichtig, dass wir ein offenes Haus werden. Hier sind alle willkommen."

1988 in Weilheim geboren und in Beuerberg aufgewachsen, ist sie für die Aufgabe schon deshalb gut geeignet, weil sie selbst zwei Leidenschaften in sich vereint: Musik und Literatur. Sie sei eine leidenschaftliche Musikantin, sagt sie. Und was die Literatur betrifft: Sie hat Germanistik an der Uni Augsburg studiert. "Wegen der Synergien, die sich daraus ergeben, könnte ich ein Gewinn fürs Zentrum sein", erläutert sie die Gründe, die sie bewogen haben, sich für den Posten zu bewerben.

Baur bewegt sich seit ihrer Kindheit in Volksmusikkreisen. Die Eltern sind aktive Musikanten, denen es wichtig war, ihre drei Kinder möglichst früh an ihrer Passion teilhaben zu lassen. "Wenn im Radio Volksmusik lief, wurde der Küchentisch weggeschoben und getanzt", erinnert sich Baur. Mit sieben begann sie Geige zu lernen, hatte auch klassischen Unterricht und probierte sich in vielen Stilen aus. "Aber mit Volksmusik habe ich mir das Taschengeld verdient." Inzwischen moderiert sie beim Sender BR Heimat auch Volksmusiksendungen.

Was die Literatur betrifft, gehört ihre Sympathie der deutsch-jüdischen Literatur. Das liegt vermutlich an ihrer Doktorarbeit, die sie über die Schriftstellerin Paula Buber schrieb. 1877 in einer streng katholischen Familie in München geboren, war diese eine Frau, die sich wenig um Konventionen scherte, ihre Bücher unter einem Männernamen schrieb und klaglos damit klar kam, dass ihr Mann Martin Buber ihre Mitautorenschaft an den berühmten chassidischen Geschichten offiziell nie bestätigte. Das würde Katharina Baur, die 2017 für eine ausgezeichnete Ausstellung über Paula Buber in Augsburg das Konzept lieferte, vermutlich nicht hinnehmen. Aber das würde auch keiner wagen.

Glücklich ist Baur über die "Experten" der einzelnen Sparten im künftigen Zentrum. "Die sind schon länger da und haben sich schon akklimatisiert." Gemeint sind der junge Volksmusikpfleger Bernhard Achhorner, seit Dezember 2020 im Amt, Matthias Fischer, der Mann für die Popularmusik, noch in der Bezirkshauptverwaltung in München angedockt, und Verena Wittmann, Leiterin des Archivs für Volksmusik und regionale Literatur.

Die Landeshistorikerin und Germanistin hat ihre Stelle im April 2019 angetreten und sichtet seither den Bestand des 1985 gegründeten Archivs mit seinen mehr als 60 Sammlungen und Nachlässen. Kann gut sein, dass nicht alles, was bisher gehortet wurde, Teil des künftigen Archivs bleibt. "Wenn wir bloß Kopien besitzen und die Originale woanders liegen, fliegt es raus", sagte "die Frau fürs Grobe" (Wittmann). Wie groß der Archivbestand zum Start sein wird, sei noch nicht absehbar. Gleichzeitig bemüht sie sich schon um die Erweiterung. "Wir wollen mehr Originale sammeln, egal ob Fotos, Tonbänder, Briefe, Notizbücher oder ganze Nachlässe."

Mit Achhorner ist sich Baur einig, dass im Zentrum der Volksmusikbegriff neu gedacht werden muss. "Wir sind im 21. Jahrhundert und haben viele neue Mitbürger, die die Volksmusik ihrer Heimat mitbringen. Das wird auch unsere Musik prägen", sagt Baur. Die Integrationsarbeit, die auf diese Weise geleistet werden könne, sei überfällig. Außerdem hole man durch die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen neue Ziel- und Altersgruppen ins Haus.

Im Moment ist das gesamte Team aber ziemlich froh, dass die nächsten zwei bis drei Jahre umgebaut werden muss. Dadurch bleibt Zeit, im Hintergrund neue Strukturen und Prozesse zu etablieren. "Die Digitalisierung ist ein Muss", sagt Baur, aber im alten Haus nicht leistbar. Überhaupt ermöglicht hat die Neuausrichtung die Marktgemeinde Bruckmühl, die dem Bezirk 2017 anbot, nicht nur das ehemalige Krankenhaus zu kaufen, in dem das Archiv seit 2000 untergebracht ist, sondern auch das angrenzende Seniorenheim mit Alt- und Neubau einschließlich einer ehemaligen Moschee. Die Verdoppelung der Grundfläche um 2500 Quadratmeter erlaubt den neuen Aufgabenzuschnitt. "Das hat uns erlaubt, die Weichen neu zu stellen", sagt Mederer und schwärmt von der Chance, Kompetenzen zu bündeln, endlich die diversen Kulturarchive zu vernetzen und es Forschern und Laien zu ermöglichen, in einer Datenbank den Fundus des Bezirks zu erkunden. Noch ist das allerdings Zukunftsmusik.

Zweifelsfrei ist vieles,was jetzt in Bruckmühl passiert, dem Wirken von Elisabeth Tworek zuzuschreiben, der Leiterin der Abteilung Kultur, Bildung, Museen, Heimat, die die Vernetzung aller Bezirkseinrichtungen entschlossen vorantreibt. Sie plant schon das nächste Projekt. Da die Denkmal- und Heimatpflege, bislang in Benediktbeuern angesiedelt, nach München zurückkehrt, will sie die neben dem Trachteninformationszentrum (TIZ) frei werdenden Räume als "Forum Heimat und Kultur" nutzen und von 1923 an wechselnde Sonderausstellungen veranstalten, eine Art Schaufenster für die gesammelten Kulturgüter. "Der Schrank von der Glentleiten, das Gwand vom TIZ, die Geige aus dem Zemuli, vereint durch ein kluges Konzept", sagt sie. Mit enger Volkstümelei habe das nichts zu tun. "Ich habe nämlich einen sehr offenen Heimatbegriff."

© SZ vom 19.06.2021
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