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Porträt:Schönheit fern der dunklen Stadt

Die Autorin, Übersetzerin und Linguistin Volha Hapeyeva aus dem belarussischen Minsk hat höchst kurzfristig ein Stipendium für die Villa Waldberta bekommen

Von Antje Weber

Meine dunkle dunkle dunkle stadt", so beginnt eines der Gedichte von Volha Hapeyeva. Diese dunkle Stadt wartet "auf meine wiederkunft", bis dahin schweigt sie und wendet sich ab: "sie ist sich sicher dass ich wiederkomm / entlang der flugbahn meiner schwermut".

Erlaubt man sich, die Stadt als Minsk zu identifizieren, das lyrische Ich als die Dichterin selbst, kann man folgern: Die dunkle Stadt wird noch eine Weile warten müssen - und das ist eine gute Nachricht. Denn die belarussische Autorin, Übersetzerin und Linguistin Volha Hapeyeva hat angesichts der politischen Lage gerade höchst kurzfristig ein Stipendium der Stadt München für die Villa Waldberta bekommen, direkt im Anschluss an ein Jahr als Stadtschreiberin in Graz. Wenn die rundum freundlich und zugewandt wirkende 38-Jährige nun an einem strahlend sonnigen Nachmittag auf der Terrasse in Feldafing sitzt, steht das in einem unwirklich scheinenden Kontrast zu einer anderen Realität: zu einem Land, in dem seit den Wahlen Anfang August eine Demonstration auf die nächste folgt; in dem der Staat immer heftiger mit Gewalt reagiert, Anführerinnen der Opposition ins Exil zwingt, verhaftet.

Es hat schon seinen Grund, dass Hapeyeva sich in ihrer Geburtsstadt Minsk "nicht wie zu Hause" fühlt. Dort gehörten die Plätze nicht den Bürgern, sagt sie: Sitze man etwa auf den Treppenstufen des Palasts der Republik und lese ein Buch, komme gleich die Polizei. Ausländern erscheine zwar alles sauber und nett, doch unter der sauberen Oberfläche wirke seit Jahrzehnten die Repression. Immer habe man "Angst, etwas nicht korrekt zu machen", sagt die Autorin in fließendem Deutsch, immer könnten einem "absurde Sachen" vorgeworfen werden: "Die Diktatur macht ihre eigenen Regeln - und keiner weiß, was die Regeln sind." Unter diesen Umständen einer erlernten Hilflosigkeit könne ein Mensch nicht funktionieren, sagt sie; als Nation sei ihr Land wohl "ein bisschen krank" und bräuchte ein paar Jahre Psychotherapie.

Wie es sich anfühlt, "als frei denkende Person" im eigenen Land nicht sicher zu sein, weiß Hapeyeva genau. Als Übersetzerin für die OECD geriet sie selbst in den Fokus des Geheimdienstes; sie wurde bereits zu einem Gespräch geladen, bei dem man ihr androhte, nächstes Mal nicht mehr so freundlich zu sein. Wenn sie davon erzählt, wie "schockierend" das für sie war, wirkt sie immer noch aufgewühlt. Dabei hat sie nur offen kritische Meinungen geäußert, und: "Ich schreibe auf Belarussisch." Wer auf Belarussisch statt Russisch schreibe, gelte sofort als Opposition. Dazu ist die Autorin Mitglied des unabhängigen Schriftstellerverbands und des Pen-Zentrums. Und sie hat, lässt sich ergänzen, neben Linguistik auch Soziologie mit dem Schwerpunkt Gender Studies studiert. Einem patriarchalen Staat, der die Frauen kleinhalten will, kann das nicht gefallen.

Feldafing, Villa Waldberta

"Die Diktatur macht ihre eigenen Regeln", sagt Volha Hapeyeva.

(Foto: Georgine Treybal)

Doch die Frauen lassen sich nicht mehr kleinhalten in Belarus. In vorderster Linie demonstrieren sie, in weißen Kleidern, mit Blumen, mit ungeheuer viel Mut. "Wenn ich das sehe, habe ich Angst, dass so viele Seelen zerstört werden", sagt Volha Hapeyeva. Dabei sei ihr klar, dass es auch Frauen auf der anderen Seite gebe, Gewalt habe kein Geschlecht. Die Hoffnung der protestierenden Frauen jedenfalls, in dieser patriarchalen Gesellschaft zumindest vor öffentlicher Gewalt geschützt zu sein, hat auch sie nicht mehr: "Das funktioniert nicht, man kann es sehen."

Dass diese Schriftstellerin sich keine Illusionen macht, merkt man auch ihren Gedichten an. Im neuen Band "Mutantengarten" (Edition Thanhäuser) sind sie erstmals auf Deutsch zu lesen. Sie belegen eindrucksvoll, dass Volha Hapeyeva zu den führenden Stimmen der belarussischen Dichtung heute gehört, wie der Lyriker Matthias Göritz im Nachwort schreibt. Und ihre vielfach um Themen wie Erinnerung, Liebe, Körper, Krieg und Angst kreisenden Gedichte wirken tatsächlich, wie er es ausdrückt, "als würde sie an einem großen Wörterbuch der Einsamkeit arbeiten". Man nehme zum Beispiel jenes Gedicht, das mit den Zeilen beginnt: "es gibt länder / in denen ist meer nur ein wort". In solchen Ländern führt kein Weg hinaus, es bleibt als Ersatz nur der Blick in die Wolken: "ich weiß jetzt / wie man hoffnungslosigkeit definiert".

Da verwundert es nicht, wenn Hapeyeva die Poesie als "höchste Gattung des Schweigens" beschreibt. Sprache könne ja Gefängnis wie auch Freiheit bedeuten, sagt sie; oft unterbricht sie solche Sätze mit einem Lachen, das jedes Pathos ironisch im Keim ersticken möchte. In der Poesie, sagt sie, "musst du nichts erklären, es ist alles da". Neben der Gewalt übrigens auch die Schönheit, denn die Dichterin findet es schlimm, "wenn alles nur praktisch sein muss". Man müsse sich doch auch von Schönheit berühren lassen können. "Ohne Berührung werden wir Steine", sagt sie, um sogleich hinzuzufügen, Steine seien ja auch schön. Man spürt, wie sie sich bemüht, offen die unterschiedlichsten Perspektiven einzunehmen. Empathie ist ihr dementsprechend wichtig, "als Gegenwaffe gegen destruktive Gefühle", gegen Aggression, Angst.

Feldafing, Villa Waldberta

Ein Ort der Konzentration - und der Sicherheit: In diesem Sinne betreibt das Münchner Kulturreferat die Villa Waldberta in Feldafing.

(Foto: Georgine Treybal)

Berührende Schönheit jedenfalls kann ihr die überwältigend am Starnberger See gelegene Villa in Fülle bieten. Es sei ein "Geschenk vom Himmel", dass sie hier für einige Monate bleiben könne, sagt Hapeyeva. Doch so "beruhigend" die Natur auch auf sie wirkt, ohne Arbeit lässt sich ihr Leben nicht denken. Gerade liest sie die Fahnen ihres ersten Romans "Camel Travel", der bald bei Droschl erscheint. Und sie will, in Lesungen etwa, erzählen, "sichtbar machen", was derzeit in ihrem Land geschieht. Trotz allem fühlt sie sich jedenfalls nicht "am falschen ort / zur falschen Zeit", wie sie in einem Gedicht über historische Frauenfiguren geschrieben hat. "Ich bin, wo ich sein soll", sagt sie, aus schicksalhaften Gründen jetzt eben in Feldafing.

Und wer kann schon wissen, wie es weitergeht, für Volha Hapeyeva, für ihr Land? "Böhmen liegt am Meer", schrieb die Dichterin Ingeborg Bachmann einst trotzig. Vielleicht liegt ja auch Belarus am Meer; wenn das jemand herausfinden könnte, dann die Dichter.

Lesungen mit Volha Hapeyeva: u.a. 3. und 18. Okt. (je 11 Uhr), Villa Stuck München; 9. Okt. (17 Uhr), Pfarrstadel Weßling (Anmeldung für alle drei Termine über roosrosen@bayern-liest.de). Außerdem: 25. Okt. (19.30 Uhr), White Box/Schamrock Festival

© SZ vom 16.09.2020

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