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Porträt:Fürs Theater leben, erst mal

Johannes Nussbaum

Johannes Nussbaum ist auf ein Sportgymnasium gegangen, weil er sich immer bewegen wollte. Sport war es dann aber nicht, sondern doch lieber die Schauspielerei, bei der er sich auf der Bühne ja auch verausgaben kann.

(Foto: Lucia Hunziker)

Johannes Nussbaum hat in vielen Filmen gespielt und gemerkt, das reicht ihm nicht. Jetzt ist er im Ensemble des Residenztheaters und in "Dantons Tod" zu sehen

Von Christiane Lutz

Johannes Nussbaum hat sich von seinem frühen Erfolg nicht einlullen lassen. "Ich muss doch irgendwas lernen", dachte er mit 18 Jahren. Dabei hatte er zu dem Zeitpunkt schon in etlichen Film- und Fernsehproduktionen mitgespielt. Im "Tatort", bei "Soko Donau", in "Die Hebamme" und im Film "Diamantenfieber", in dem er einen jungen Mann spielt, der sich nach dem Tod seiner Eltern um seine Brüder kümmern muss. Viele andere hätten sich vermutlich selbst beglückwünscht und wären nicht auf die Idee gekommen, dass man da ausbildungsmäßig noch nachlegen könnte. Läuft ja. Nussbaum aber sagt: "Ich wusste ja, ich will den Beruf noch lang machen und hatte keine Lust, alles immer aus mir selbst zu schöpfen." Also ging er 2014 weg aus seiner Heimat Österreich auf die Ernst Busch Schule nach Berlin, um Schauspiel zu studieren. "Alle gaga in der Birne", beschreibt er die Zeit rückblickend, "war gut." Hochdeutsch hat er auch gelernt, das war ihm wichtig, fürs Drehen in Deutschland.

Heute ist Johannes Nussbaum 25 und seit einem Jahr im Ensemble des Residenztheaters, wo er, wenn gerade kein Lockdown ist, zum Beispiel in Ulrich Rasches "Erdbeben in Chili" und von Freitag an in "Dantons Tod" spielt. Er hat ein freundliches, helles Gesicht und noch viel hellere Locken. Er trinkt schwarzen Kaffee und raucht, eingepackt in eine dicke Jacke vor einem Restaurant sitzend. Lieber draußen reden, so lang es geht.

Dass es Theater gibt, erfuhr er in der Grundschule. "Da kam einmal die Woche die Geraldine, die war ganz toll", sagt er. Geraldine schickte ihn dann auch zu Castings, sie fand, er mache das gut. Nussbaum wurde 2007 für den Film "Import Export" von Ulrich Seidl gecastet, ohne, dass er begriff, wer Ulrich Seidl ist. Dann ging es weiter. Pro Jahr drehte er einen Film, "das war toll", sagt er, aber nichts über die Maßen Bemerkenswertes, findet er. Seine beiden Brüder, Nussbaum ist das Sandwich-Kind, machen was völlig anderes, einer ist Programmierer, einer macht Abitur. Bis heute ist es ihm unangenehm, wenn er auf Familienfeiern im Mittelpunkt steht, weil ihn die Oma im Fernsehen gesehen hat.

Vielleicht entschied er sich auch deshalb, nach dem Studium ans Theater und nicht ausschließlich zum Film zu gehen. Regisseur Ulrich Rasche suchte für seine Inszenierung von "Das große Heft" in Dresden noch ein paar Marschierer, er entdeckte Nussbaum und heuerte ihn direkt auch für eine weitere Produktion an. So lernte Nussbaum Andreas Beck kennen, der ihn fürs Residenztheater verpflichtete. "Und nun darf ich diese Saison den Hamlet spielen", sagt Nussbaum. Er sagt das so, als höre er es selbst zum ersten Mal. Auf der Bühne, sagt er, interessiere ihn nicht so sehr, Szenen aus der Figur heraus zu motivieren. Sätze wie "das würde meine Figur nie sagen", würde er nie sagen. Dieses ewige Kreisen um eine Figur und ihre vermeintliche Biografie findet er nervig. "Mir geht es mehr darum, was für einen Menschen ich auf der Bühne vor mir habe. Also: Was muss ich tun, damit es ihn bewegt?" Was er meint, versteht man, wenn man ihn auf der Bühne sieht. Wie er als Kevin in "Die Verlorenen" auf seine Spielpartner trifft, ist mehr individuelle Begegnung als einstudierte Rolle. Er nimmt Kontakt auf zu den anderen, echten Kontakt. Das hat ihm vermutlich auch den Titel "Nachwuchsschauspieler des Jahres 2019" in der Umfrage von Theater heute beschert, ein Titel aus der Theaterblase, auf den er per se nichts gibt. Aber natürlich ein Titel, der sagt, dass er gesehen wird, dass rüberkommt, was er sagen will.

Filmprojekte hat Nussbaum erst mal hinten angestellt und lebt zur Zeit für das Theater. "Schwerst ungesund", sagt er, "aber darin finde ich zur Zeit Freiheit und Freude." Mit ungesund meint er natürlich die irren Arbeitszeiten, die Wochenenden, das Rauchen, das er an der Schauspielschule angefangen hat. "Umso wichtiger, dass ich weiß, warum ich das mache." In "Dantons Tod" in der Inszenierung von Sebastian Baumgarten spielt er nun den Lacroix. Eigentlich die älteste Figur des Stücks über die Französische Revolution, aber sie haben sie umgedeutet. Lacroix ist jetzt ein junger Getriebener, der Danton verehrt und für dessen alte Visionen kämpfen will. Sich selbst würde Johannes Nussbaum aber nicht als derart Getriebenen bezeichnen, als Kämpfer gar. "Aber ich habe schon den Anspruch an mich selbst, herauszufinden, wofür ich stehe und dann dafür einzustehen." Konkret bedeutet das zum Beispiel, dass er sich für mehr Diversität im Theater einsetzt. "Wir behaupten immer, die Realität auf der Bühne abzubilden, aber das tun wir nicht", sagt er, "wir haben doch eine Verantwortung." Er will, dass sich das ändert, dass mehr Menschen mitreden dürfen und mehr Stimmen auf der Bühne zu Wort kommen. Weil er daran glaubt, dass Theater was bewegen kann.

Dantons Tod, Freitag, 30. Oktober, Residenztheater

© SZ vom 30.10.2020
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