Porträt 4 Bevormundet und unfrei

Bettina Kenter.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Bettina Kenter hat ein Buch über ihre Erfahrungen mit staatlicher Hilfe geschrieben

Von Ricarda Hillermann

Wer Bettina Kenter auf Hartz IV anspricht, der merkt schnell, dass die Schauspielerin keine Anhängerin der Grundsicherung ist. "Leib- und Hungerstrafen mit dem euphemistischen Namen Sanktionen", nennt die 67-jährige Schauspielerin etwa die Kürzungen, die das staatlich gewährte Existenzminimum beschneiden, wenn man sich nicht exakt an die Regeln hält. In den vergangenen 30 Jahren ihres Berufslebens war sie selbst dreimal auf staatliche Hilfe angewiesen. Diesen Abschnitt verschweigt sie nicht, sie hat über ihre Erfahrungen ein Buch mit dem Titel "Heart's Fear" geschrieben.

Wenn die Rentnerin aus ihrer Biografie erzählt, spürt man ihre Empörung und Verärgerung. Anfang der Achtzigerjahre findet sie keinen Krippenplatz für ihre Tochter. "An Theaterspielen war nicht zu denken", sagt sie. Als Alleinerziehende erhält sie damals Unterstützung nach dem System der alten Sozialhilfe. Im Jahr 1984 kommt die Tochter in den Kindergarten, Kenter gelingt der Quereinstieg als Synchronsprecherin, Autorin und Regisseurin. Es geht finanziell bergauf - doch nicht lange.

Der Rückschlag kommt mit der Pleite des Medienunternehmers Leo Kirch 2002, die Branche bricht ein, es wird schwer, Arbeit zu finden. 2004 erlebt Kenter den Übergang vom alten ins neue Sozialsystem: Sie beantragt erstmals Hilfe vom Amt als Aufstockerin. "Vielleicht hätte ich es mit dem eigenen Einkommen geschafft", erklärt Kenter, "aber mit Hartz IV war ich krankenversichert." Sie sitzt kerzengerade, fügt mit Verve in der Stimme hinzu: "Menschen, die im Niedriglohnsektor arbeiten, müssen mit Hartz IV aufstocken. Es betrifft Alleinerziehende, meist Frauen, Rentner, Freischaffende, körperlich und physisch Beeinträchtigte und viele andere Gruppen." Gegen Krankheit sei kein Mensch gefeit, sagt sie. Kenter wird krank, kann nicht mehr arbeiten und muss 2008 erneut einen Antrag auf Hartz IV stellen. Doch was die Existenz im Krankheitsfall sichern soll, verkehrt sich aus ihrer Sicht ins Gegenteil. Sie habe weder Geld für Medikamente noch für ausreichend zu essen gehabt, sagt Kenter. Sie habe sich bevormundet gefühlt, ihrer Freiheiten beraubt. Einmal sei sie als Künstlerin betroffen gewesen, einmal als Kranke. "Kunst bringt meistens keinen Reichtum, da stellt sich die gesellschaftliche Frage: Wollen wir uns das leisten?" Hier sieht Kenter einen Widerspruch.

Opernaufführungen bezuschusse der Staat sehr wohl, erläutert sie. Ein doppeltes Abo werde stärker subventioniert, als ein Hartz-IV-Empfänger. Ihr Fazit: "Hartz IV bekämpft nicht die Armut, sondern die Armen. Es ist absurd, brutal, menschenverachtend, kontraproduktiv und rechtswidrig."