Popgeschichte Kurt Cobain - zu kaputt für München

Ikonenhaft verehrt: Kurt Cobain (1967-1994), Sänger der Grunge-Band "Nirvana". Das Foto stammt von 1993.

(Foto: Frank Micelotta/Getty Images)

Der Nirvana-Sänger wäre diesen Montag 50 Jahre alt geworden. Das letzte Konzert vor seinem Tod gab er 1994 am alten Flughafen Riem. Erinnerungen an einen legendären Auftritt.

Von Theresa Hein

Das langweiligste Möbelstück in der schrottreichen Karriere der nordamerikanischen Band Nirvana war ein Bürostuhl mit Rollen. Der Stuhl, auf dem Kurt Cobain bei der Konzertaufnahme zur MTV-Unplugged-Session im Jahr 1993 saß. Diese Session war ein prägender Moment der Musikgeschichte der noch jungen Neunzigerjahre. Da coverte einer, von dem Kollegen sagten, er könne weder singen noch Gitarre spielen, "The Man Who Sold The World" von David Bowie, und machte es besser als Bowie selbst. Überzeugend und mitgenommen fragt Cobain: "Ich dachte, du seist vor langer Zeit gestorben." Und der Mann, der die Welt verkauft hatte, antwortet ihm: "Oh nein, ich nicht".

Fünf Monate später ging die Band auf Tour, um ihr Album "In Utero" zu bewerben. Auf dem Tourplan stand auch München. Zum zweiten Mal, denn 1991 waren Nirvana im Nachtwerk aufgetreten. Davor gab es schon einmal ein Konzert im Landkreis Freising, als Vorgruppe der Grunge-Kollegen Tad erschütterten sie den Club Circus Gammelsdorf, der Jahre später abbrannte. Das Konzert am 1. März 1994 fand im Terminal 1 des ehemaligen Flughafens Riem statt. Es sollte das letzte Nirvana-Konzert sein. Das Terminal 1, damals als Kulturzentrum genutzt, war ausverkauft. Am zweiten März war noch ein Zusatzkonzert geplant, das aber wegen stimmlicher Probleme Cobains abgesagt wurde. Nirvana unterbrachen die Tour, Cobain flog mit seiner Frau Courtney Love nach Rom, es folgten ein Selbstmordversuch mit einer Mischung aus Rohypnol und Alkohol und knapp einen Monat später der Suizid. Kurt Cobain hatte sich erschossen.

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Als Mathias Wagner, damals 19 Jahre alt, in Pressath in der Oberpfalz vom Tod Cobains erfuhr, zog er seinen schwarzen Parka an und traf sich mit Freunden im Club des Ortes, um zu trauern. Den ganzen Abend lief Nirvana. Wagner erinnerte sich an das erste Mal, als er die Band im Fernsehen bei den MTV Music Awards 1992 gesehen hatte. Damals hatte Krist Novoselić seinen Bass in die Höhe geworfen, das Instrument landete auf seinem Kopf und Novoselić wurde ohnmächtig. "Wir saßen damals vor dem Fernseher und dachten: Woah, wie cool, die kacken auf dieses ganze MTV-Live-Zeug und machen sich selber kaputt." Wagner ließ sich die Haare lang wachsen, und ein Jahr später kaufte er sich eine Karte für ein Nirvana-Konzert: für jenes Konzert am 1. März 1994 in München.

Wagner stand im vorderen Drittel der Halle des Kulturzentrums, und obwohl Nirvana seine Erwartungen erfüllte, lag die Stimmung vom Ende der Band schon in der Luft. Krist Novoselić scherzte, dass das nächste Nirvana-Album ein Hip-Hop-Album werden würde: "Grunge is dead", rief er ins Mikrofon und "Nirvana is over", und bedankte sich beim Publikum "Thank you for just being Munich". Als hätte er gewusst, dass das letzte Konzert von Nirvana nicht auf einem großen Festival, nicht vor laufenden Kameras stattfindet, sondern vor einem ganz normalen Publikum, in einer ganz normalen Stadt. Ohne Aufruhr. Novoselić übernahm an diesem Abend die Kommunikation mit dem Publikum, Cobain war zu kaputt. Sehen konnte das Publikum das an seinen dürren Armen, die aus einem "Sonic Youth"-T-Shirt ragten, hören an seiner Stimme. Die meisten Konzertbesucher störte das nicht. Der Ingolstädter Musiker René Arbeithuber der Bands Pelzig und Slut, der ebenfalls das Konzert besuchte, gibt zu: "Bei der Musik war es irgendwie egal. Wenn da einer nicht singt wie ein Zeiserl, dann ist das doch wurscht." Das Konzert blieb prägend, auch wenn nicht alles perfekt war.

Nach zwanzig Minuten gab es einen Stromausfall, das Publikum wurde unruhig, dann spielte die Band zwei Songs unplugged. "Smells Like Teen Spirit" ließen sie weg, für Mathias Wagner, der aus der Oberpfalz angereist war, keine Überraschung. "Das war ja der Ausverkauf-Song", sagt er heute, "ich fand es gut, dass sie den nicht gespielt haben". Das Konzert war hart und intensiv, kein "Nevermind"-, sondern ein "In Utero"-Konzert, ein Album, das die Produktionsfirma Geffen nicht mochte, weil es zu wenig Mainstream war. Aber es gab auch Menschen im Publikum, die das Konzert als Enttäuschung empfanden, wenn auch aus anderen Gründen: Gerhard Emmer zum Beispiel, ein Betriebswirt aus Sendling, der damals 29 Jahre alt war. "Novoselić und Grohl waren verunsichert. Man hat gemerkt, dass Cobain mit der ganzen Nummer nichts mehr zu tun haben wollte", sagt Emmer.

So falsch war dieser Eindruck wohl auch nicht. Jahre später bestätigten Krist Novoselić und Dave Grohl, dass sich Nirvana wenige Tage vor Cobains Tod getrennt hatten. Der Abend im Terminal 1, den man auf Youtube nacherleben kann, endete nach 90 Minuten. Einige verließen die Halle begeistert, wie Wagner und Arbeithuber, andere enttäuscht, wie Emmer, für die Nirvana nur noch ein Hype ohne Seele war. Die Seele hat sich Kurt Cobain beim letzten Song "Heart Shaped Box", geschrieben für seine Frau, zumindest noch aus dem Leib geschrien: Cobain singt so kratzig, als würden die Stimmbänder gerne auf der Stelle aus dem Kehlkopf ausbrechen.

Sieben Monate später veröffentlichte MTV die Nirvana-Unplugged-Session und machte Kurt Cobain für 50 Minuten wieder lebendig. Heute weiß man, dass nicht die Musik und nicht das Touren Cobain kaputt machten, sondern eine tiefe Depression, von der die Drogen nur eine Konsequenz waren. Zu dem amerikanischen Journalisten Michael Azerrad hatte Cobain einmal gesagt: "Ich glaube, als ich neun wurde, war ich bereits manisch depressiv." Er fand sein Leben langweilig; er könne nichts Außergewöhnliches daran sehen. Am Montag wäre der Mann, der sich der Welt verkauft hatte, 50 Jahre alt geworden. Und wer jetzt denkt, Cobain sei doch schon vor langer Zeit gestorben, dem sei gesagt: Oh nein, der nicht.

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