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Pop:Wassermusik

Das Debütalbum der Münchner Indie-Band "River"

Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen. Das hat schon Heraklit gewusst. Gemeint hat der griechische Philosoph damit, dass die Welt ein einziges Werden und Wandeln ist. Dass alles fließt und sich verändert. Und nichts bleibt, wie es ist. Bei der Musik ist das genauso. Auch diese ist flüchtig. Ein Werden und Vergehen. Und selbst wenn wir im Zeitalter der technischen und digitalen Reproduktion leben, bekommt man diese haptisch doch noch immer nicht zu fassen. Das gilt auch für die Musik von River , einer vierköpfigen Münchner Band, deren gleichnamiges Debütalbum am 19. März beim Wiener Indielabel Cut Surface in einer limitierten Zahl von 300 Stück als Schallplatte sowie in digitaler Form herauskam.

Das heißt, die Platte und das zugehörige, von der Gitarristin der Band und Malerin Hedwig Eberle übrigens sehr schön gestaltete Cover kann man natürlich anfassen. Und wer das tut und darauf die Namen der Bandmitglieder liest, dem wird das, wenn er die Münchner Indie-Szene etwas kennt, möglicherweise ein paar Aha-Effekte ins Gehirn spülen. Die Gitarristin und Sängerin Rosalie Eberle, die kennt man von Rosalie & Wanda. Hedwig Eberle ist ihre Schwester und trat, wie angedeutet, bisher eher als bildende Künstlerin in Erscheinung. Salewski hat früher bei den Merricks, bei Pollyester und Schorsch Kamerun getrommelt. Und Pico Be, der Bass spielt und bei einem Lied sprechsingt, kennt man als Sänger von Kamerakino und Das Weiße Pferd, als Pacifico Boy, als Journalist und als Veranstalter.

Gemeinsam sind sie nun also River, und dass sie den Fluss als Namensgeber und philosophisches Urgewässer tatsächlich ernst nehmen, das zeigen schon mal Titel wie "Watercurls" und "Floßfahrt" an. Auch musikalisch wirbelt hier so einiges, es pulsiert, schlägt Wellen und tritt auch mal krachend und rauschend übers Ufer. Postrock, No Wave, Trancerock und Voodoo fließen in den insgesamt acht Liedern lautstark ineinander, schlagen aber immer wieder auch ruhigere Seitenwege ein. Etwa bei "House", wo die Gitarre zum englischen Sprechgesang von Pico Be im Hintergrund nur leise und leicht bedrohlich flirrt und flimmert. Ansonsten ist die hohe, sich teilweise wie in "Teppich" oder "Die Essenz" ins Lautmalerische oder ritualhafte Klagegesänge ausufernde Stimme von Rosalie Eberle das prägende Element. Im Kontrast zu den schepprigen Gitarren und dem rituellen Rhythmus der Trommeln. In der Gesamtheit ist das sehr einnehmend, oft mitreißend und vielfach hypnotisch. Und man kann sich gut vorstellen, dass das auch live sehr gut funktioniert. Oder eher funktioniert hätte. Denn das geplante Releasekonzert in der Roten Sonne musste wie so Vieles leider ausfallen.

Bestritten hätten River das Konzert übrigens gemeinsam mit Wirtschaftskammer, einer Art Indie-Supergroup aus Wien um den Sänger und Bandgründer, Autor, Maler und Zeichner Clemens Denk. Dass deren bereits vor einem Jahr ebenfalls bei Cut Surface erschienenes Debütalbum kaum Wellen geschlagen hat, überrascht, ist aber irgendwie auch konsequent. Schließlich ist der schepprige, experimentell-verspulte Noise-Krautrock, der sich hinter Titeln wie "Rechnung", "Kaufkraft" oder "Steuer" verbirgt, als ein bewusst schwer verdaulicher Affront gegen Neoliberalismus und Konsum gedacht.

Bleibt jedenfalls zu hoffen, dass River und Wirtschaftskammer ihr gemeinsames Konzert so bald wie möglich nachholen können. Wobei das im Falle von River - auch das eine dieser unerwarteten Wellen, die das Leben schlägt - dann aber ohne Rosalie Eberle sein wird. Denn die Sängerin hat die Band vor etwa drei Wochen völlig überraschend aus privaten Gründen verlassen. Und noch so eine Welle: Die Band hat mit Marie Kraushaar bereits einen Ersatz für sie gefunden. Kraushaar ist eine junge Sängerin und Gitarristin, die seit zehn Jahren mit dem Trio Marie Marlene Dietrich Straßenmusik macht und unter anderem im vergangenen Dezember im Vorprogramm von Das Weiße Pferd im Import Export zu erleben war. Jetzt macht sie also Wassermusik. Und der Fluss, der hat sich wieder mal verändert.

River: s/t (Cut Surface), seit dem 19. März erhältlich, als Stream unter https://cutsurface.bandcamp.com/album/river

© SZ vom 23.03.2020
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