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Pop-up-Gallery:Algorithmen und Kolosse

Stumme Gestalten: Gabriele Stieghorsts Skulpturen kommunizieren nicht miteinander - und doch gehören sie zusammen.

(Foto: Robert Haas)

Spannende Kunstbegegnung mit Gabriele Stieghorst und Bettina Nuschei im Quartier Schwabinger Tor

Von Nicole Graner, Schwabing

Es ist keine homogene Gruppe. Nein, das kann man wirklich nicht sagen. Die drei übergroßen Menschen, die aus einer Fantasiegeschichte entlaufen sein könnten oder sich aus weit entfernten, imaginären Landen nach Schwabing verirrt haben, stehen da in der neuen Pop-up-Gallery im Quartier des Schwabinger Tors: groß und mächtig, mit rauen Oberflächen, langen Armen und dicken Pos. Der eine, gesichtslos, blickt ins Irgendwohin, der andere dreht sein Gesicht weg und der Dritte? Er blickt, so scheint es, auf zwei riesige Bilder. Betrachtet die gewaltigen Farbexplosionen. Die drei Kolosse kommunizieren nicht miteinander, aber sie gehören dennoch zusammen.

Alle Skulpturen von Gabriele Stieghorst - und das ist das Faszinierende an ihnen - sind in Bewegung. Ihre geschwungene Körperhaltung zeigt das, und weil sie auf kleinen Metall-Füßchen stehen, ihre Beine lang und geschwungen sind, scheint es, als würden sie durch den Raum stelzen, sich immer neue Plätze suchen, fast auf den Betrachter zugehen. Die Figur, der Körper - für die Münchner Künstlerin ist es das Thema, das sich wie ein roter Faden durch ihre Arbeiten, ihre Bilder zieht. Und weil ihr das Zweidimensionale nicht mehr genug war, musste sie, wie sie es ausdrückt, große Menschen formen. Nach ihrem Gefühl, nach ihrer Stimmung. Erst baut sie ein Stahlgerüst, dann formt sie mit Draht die ersten Körperteile. Mit Sand und Gips werden sie dann aufgefüllt und immer gewaltiger. Grob arbeitet sie die Konturen heraus, legt die Gipsschichten übereinander. Dann kommen Pigmente darauf. Und Acrylfarben. Stieghorst, selbst eine große Erscheinung, kommuniziert in diesem Prozess mit ihren Figuren, haucht ihnen sozusagen mit kraftvollen Bewegungen, mit der sie die grobe Oberfläche bearbeitet, Leben ein. Sie hat Figuren gebaut, von den 100 Gesängen aus Dantes "Göttlicher Komödie" inspiriert. Figuren aus der Hölle, aus dem Paradies. Oder vom Läuterungsberg - wie die Dreiergruppe. "Und schwer sind sie", sagt Stieghorst. Drei Männer brauche sie, um eine Figur überhaupt zu transportieren. Und liebevoll lehnt sie sich an einen ihrer Kolosse. Berührt, streichelt die Oberfläche.

"Spürung" heißt dann auch die Ausstellung in den hohen Räumen der temporären Galerie an der Leopoldstraße. Nicht ohne Grund. Würde man die Augen schließen, könnte man - einem nicht sehendem Menschen gleich - Stieghorsts Figuren wunderbar ertasten: die Arme, den Po, die Beine. Wie auch die Zahlen-Bilder der Künstlerin Bettina Nuschei.

Zahlen und Buchstaben. Mal in Folge des Alphabets, mal mit wahllosen Ausschnitten. Sie sind erhaben, aus gepresstem Marmorstaub. Schicht um Schicht aufgetragen. Manchmal 40 an der Zahl. Wie sie die Masse fertigt, will die Künstlerin nicht verraten. "Ein kleines Geheimnis", sagt die Frau, deren Markenzeichen eine schwarze, kurze Mütze ist. Sie lacht, legt ihren Kopf zur Seite und spricht von ihrer Kunst. Den Codes, wie Bettina Nuschei sagt. "Zahlen sind so etwas von klar, und sie bedeuten die Zukunft", sagt die gebürtige Österreicherin, die lange in New York, Südamerika und in Ägypten gelebt hat, immer wieder in Rom war und sich durch Zahlen und Schriften inspirieren ließ. "Big Data", ist ein Stichwort. Das Mysterium von Allem oder Nichts, das Andere. Besonders wirken die Zahlen, wenn sie in Nuscheis Bildern in pastosen Acryl-Farbschichten fast verschwinden. Nur noch ahnbar sind. Das Technische, Algorithmen, die die Zeiten verändern - alle Themen lassen sich in die Zahlen-Codes von Nuschei hineinlegen. Genau das will die Künstlerin, die auf Mallorca oder in München lebt: Was neutral mit ihren klar geordneten Zahlen beginnt, wird beim Betrachter in Emotionalität umgewandelt.

Durch Zufall sind sich beide Künstlerinnen auf einer Messe begegnet. Haben sich gefunden. "Es war ein clash of souls", sagt Nuschei. Und sie hat recht. Denn selten harmonieren, interagieren Werke von zwei unterschiedlichen Künstlerinnen und unterschiedlicher Spielart so gut wie in dieser Ausstellung. Das Grobe begegnet dem Feinen; das Ungeordnete dem klar Strukturierten.

Seit März ist die Galerie geöffnet. Zu einer Vernissage kam es nicht. Corona ließ es nicht zu. Aber jetzt sind Begegnungen wieder möglich in der Galerie, die nur kurz - vielleicht bis zum Herbst - geöffnet hat. Denn Kunst soll sich, so verspricht Steffen Warlich von der Jost-Hurler-Gruppe, an einem anderen Ort weiter im Quartier etablieren.

"Spürung": Skulpturen und Bilder von Gabriele Stieghorst und Bettina Nuschei; Pop-up-Gallery, Leopoldstraße 154, Donnerstag und Freitag, 16 bis 20 Uhr; Führungen am 2. Juli. Anmeldungen unter kunst@schwabinger-tor.de.

© SZ vom 27.06.2020

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