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Pop-up-Bäckerei:Von der Bühne in die Backstube

Julia Mauracher eröffnet im Sommer eine Pop-up-Bakery.

"Mit dem Schauspiel ist es so: Man arbeitet an Szenen, aber es ist so nicht greifbar. Ich wollte etwas haben, das man anfassen kann, das ich geschaffen habe", sagt Julia Mauracher.

(Foto: Mirjam Mauracher)

Ein schwerer Fahrradunfall ist der Schlüsselmoment für Julia Mauracher. Jetzt wird die gelernte Schauspielerin Konditorin und eröffnet im Sommer ihre erste Pop-up-Bakery.

Von Carolina Heberling

Erst war sie Schauspielerin. Dann hat sie in einem Edelrestaurant gekellnert. Jetzt arbeitet sie tagsüber im Büro eines Vermittlers von Sprachdienstleistungen und lernt in ihrer freien Zeit auf die Prüfung zur Konditorin. Wer Julia Mauracher nicht sonderlich mag, würde sie als "Gschaftlhuberin" bezeichnen. Eine, die irgendwie alles mal gemacht hat. Bei der man sich fragt: Was will die eigentlich? Die 27-Jährige kennt solche Vorwürfe: Mach was Ordentliches, du kannst nicht nur "rumflirren". Mittlerweile habe sie akzeptiert, dass sie keiner dieser Menschen ist, die nur eine Sache machen und damit glücklich werden können, sagt sie. Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass sie vor zwei Jahren einen Verkehrsunfall nur mit Glück überlebt hat. "Es ist okay für mich, mal das zu machen, mal das", sagt Julia mit charmantem österreichischen Dialekt und klingt selbstbewusst dabei.

Doch der Weg bis zu dieser Erkenntnis war lang. Ein Blick zurück: Julia ist 18, hat ihre Matura gemacht, träumt von der Bühne. Sie fährt zu Schauspielschul-Vorsprechen nach München und Salzburg. "Ja, wir sehen etwas in Ihnen", heißt es da, aber das sei noch unausgereift, sie möge in ein paar Jahren wiederkommen, sich erst einmal selbst finden. Für Julia ist das keine Option: Sie ist ungeduldig, will die Spielfreude ausleben, die sie schon seit Jugendzeiten in sich trägt. Sie bewirbt sich ein Jahr später an einer privaten Schauspielschule in Innsbruck und wird angenommen. Das ist im Jahr 2010.

Es folgen vier Jahren Körperunterricht, Sprecherziehung, Rollenarbeit, danach spielt Julia in Innsbruck an Theatern und bei Filmprojekten. Anfangs ist das erfüllend, doch irgendwann ist ihr die Stadt zu klein, hat sie doch jede Bühne bereits bespielt. Julia erinnert sich: "Ich habe in dem Jahr sechs oder acht Vorsprechen gehabt, aber nirgendwo eine feste Stelle am Theater gekriegt", sagt sie. Denn: Schauspielschule ist nicht gleich Schauspielschule. Nur wer an einer staatlichen Schule sein Handwerk lernt, hat hinterher gute Chancen, an einem Theater unter Vertrag genommen zu werden. Und auch hier schaffen es nicht alle Absolventen, einen Arbeitsplatz zu bekommen.

"Ich war immer motiviert, habe gute Prüfungen abgelegt und auch tolles Feedback bekommen. Und ich dachte, das reicht." Das bezeichnet Julia heute als naiv. In ihr ist immer noch ein bisschen Ärger, wenn sie über dieses Thema spricht. Ärger über sich oder über das System? Das weiß man nicht.

Job im Tantris

Um ihre Karriere zu pushen, zieht Julia ein Jahr später nach München, sucht sich eine Agentur in Berlin. Damit sie sich finanziell über Wasser halten kann, nimmt sie dazu noch einen Job als Commis de Rang an, erst in einem kleinen Restaurant, später im Tantris, Münchens berühmter 2-Sterne-Bude. Abends kellnert sie, tagsüber ist sie auf Castings unterwegs und bekommt auch Jobs. Doch die sind nicht unbedingt das, was man sich als junge Schauspielerin erhofft: Imagefilme, Werbeclips.

Mit der Freude am Backen fing für Julia Mauracher alles an.

(Foto: Julia Mauracher)

Das bringt Geld, macht jedoch nur bedingt Spaß. So etwas kann man eine Zeit lang machen. Aber nicht auf immer. "Irgendwann war der Leidensdruck zu hoch", sagt sie. Das liege auch daran, dass Schauspieler der permanenten Bewertung durch andere ausgesetzt seien, besonders bei Castings, bei denen viele Menschen um eine Rolle buhlen. "Man fühlt sich nicht schön genug, nicht dünn genug - und die Sprache war auch immer ein Problem. Es hieß dann immer' ,das ist kein reines Hochdeutsch'."

Backen als Ausgleich

Da merkt Julia schon, dass das vielleicht nicht ihr Weg ist. Dagegen steht ihre Arbeit im Edelrestaurant, wo sie ausgefallene und hochwertige Zutaten kennenlernt, immer tiefer in die Welt des Fine Dinings eintaucht. Besonders die Patisserie fasziniert die Schauspielerin, hat sie doch schon immer gern gebacken. Noch während ihrer Schauspielschulzeit hat die junge Frau ihren eigenen Backblog "Julia bakes" gestartet, auf dem sie die Rezepte verrät, nach denen ihre Schulkameraden sie so oft fragten, wenn sie zu den Proben mal wieder einen leckeren Kuchen mitgebracht hatte.

Das Backen sei damals ein Ausgleich für sie gewesen: "Im Schauspielstudium hat man jeden Tag Menschen um sich herum, die sich mit sich selbst beschäftigen. Das ist emotional und aufregend. Ich habe dann irgendetwas gebraucht, das mich runterbringt. Also bin ich abends in meine Küche gegangen, habe gebacken, es fotografiert und gebloggt." Der Reiz daran: Am Ende ein Produkt in Händen zu halten. "Mit dem Schauspiel ist es so: Man arbeitet an Szenen, aber es ist so nicht greifbar. Ich wollte etwas haben, das man anfassen kann, das ich geschaffen habe", sagt Julia.

Jetzt ist Julia Mauracher der Spaß am Backen sogar wichtiger als die Schaupielerei.

(Foto: Julia Mauracher)

Ihr Blog hat schnell eine treue Fangemeinde, Julia catert für Blogger-Events, tritt mit ihren Backwaren in Sendungen wie Galileo oder "Sweet & Easy" mit Enie van de Meiklokjes auf. Mitte 2016 bewirbt sie sich auf einen Ausbildungsplatz als Konditorin. Auf zwölf Bewerbungen bekommt sie gerade einmal drei Antworten. Von zwei Betrieben heißt es, sie vergäben zu dieser Zeit gerade keine Stelle, bei einer anderen großen Konditorei merkt sie nach dem Vorstellungsgespräch, dass sie dort nicht so hinpasst, wie sie es gehofft hatte.

Auch, weil man in München kaum mit dem Gehalt eines Lehrlings über die Runden kommt. Eine frustrierende Erfahrung, vor allem, weil der ständige Spagat zwischen Casting und Kellnern mehr und mehr zur Belastungsprobe wird. Julia nimmt schließlich einen Job bei einem Unternehmen an, das Sprachdienstleistungen vermittelt. Was "Grundsolides", wie sie sagt. Doch der Traum vom Backen bleibt.

Ein Unfall als "Realitätswatschn"

Es ist kurz vor Weihnachten 2016, da hat Julia einen Fahrradunfall. Sie wird von einem Auto überrollt. 21 Knochenbrüche und eine Lungenquetschung. Julia hat Glück, dass sie überlebt. Sie ist während des gesamten Unfalls bei vollem Bewusstsein, versteht den Ernst ihrer Lage. "Das war ein Schlüsselmoment für mich: Ich hatte ein krasses Gefühl von Reue, dass ich nicht das gemacht habe, was ich machen wollte", erklärt sie, "danach habe ich mir gesagt: Ich mache nur noch das, was mir Spaß macht, und höre nicht mehr darauf, was die Gesellschaft sagt." Sie nennt den Unfall deshalb eine "Realitätswatschn".

Es folgen lange Wochen der Heilung. Und sie fasst den Entschluss, die Konditorenausbildung durchzuziehen, komme was wolle. Julia fasst einen Plan: In Österreich gibt es die Möglichkeit, über den zweiten Bildungsweg eine sogenannte "außerordentliche Lehrabschlussprüfung" zu machen, um sich Konditorin nennen zu dürfen. Bewerber müssen lediglich nachweisen, dass sie genügend Erfahrung in ihrem Berufsfeld gesammelt haben, um zur Prüfung zugelassen zu werden. Geprüft werden sie dann aber nach den gleichen Maßstäben wie ein Lehrling, der regulär eine mehrjährige Ausbildung absolviert hat. Die Anforderungen, um Konditorin zu werden - oder "Zuckerbäckerin", wie die offizielle österreichischen Bezeichnung so schön heißt -, sind dabei nicht zu unterschätzen: "eine Sachertorte, eine Festtagstorte, eine Aufschnitttorte, vier Teegebäcksorten, vier Kaffeegebäcksorten, drei Blüten, zwei Figuren und vier Petits Fours - das alles in fünf Stunden", zählt Julia auf.

Um die Prüfung zu schaffen, hat sie einen intensiven und nicht ganz billigen Vorbereitungskurs in Linz absolviert und übt nun an ihren bürofreien Tagen von morgens bis abends. "Sachertorte habe ich jetzt dreimal gemacht - die kann ich jetzt", sagt sie, das Modellieren von Blumen und Figuren sei da schon schwieriger. Doch bis zur Prüfung im August ist ja noch etwas Zeit.

Sie wirkt zuversichtlich, dass das klappt, plant schon für die Meisterprüfung im Dezember. Dazwischen will sie ihre eigene kleine Pop-up-Bakery aufmachen. Ein Münchner Hotel hat bereits die Zusage für eine Kooperation gegeben, derzeit feilt Julia gemeinsam mit ihrem Partner Philipp Künemund am Konzept. Er ist Sommelier. Nun wollen sie Patisserie und Wein kombinieren, Wein verkosten, der zum Gebäck passt, und umgekehrt. Ein bisschen aufgeregt ist Julia, wenn sie davon erzählt. Klappt das? Werden die Leute die Idee mögen? Oder geht das total daneben? Wer Julia so darüber sprechen hört, merkt: Sie ist glücklich, angekommen in ihrem Leben. Keine Gschaftlhuberin. Sondern eine Macherin.

© SZ vom 04.06.2018/kat

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