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Pop und Literatur:Leben in Balance

Peter Maffay

Naturgefühl statt großer Bühne: Der Musiker Peter Maffay arbeitet mittlerweile auch als Landwirt.

(Foto: Wolfgang Köhler)

Der Musiker Peter Maffay hat einen Ratgeber geschrieben: In "Hier und jetzt - Mein Bild von einer besseren Zukunft" denkt er über die Motoren seines Seins nach und mahnt, Veränderung zu akzeptieren

Von Michael Zirnstein

Peter Maffay hat mal ein Gasthaus gekauft. Die Alte Post in Pähl, erbaut 1590, einst zum Kloster Andechs gehörend, am Ende heruntergewirtschaftet. Der Popstar aus dem Nachbarort Tutzing wollte die Wirtschaft retten. Die Leute zeigten ihm den Vogel, auch sein Finanzberater. Aber: "Es übermannte mich die pure Leidenschaft", schreibt Maffay in seinem Buch "Hier und jetzt - Mein Bild von einer besseren Zukunft" (Lübbe). Er zählt Kollegen auf, die auch nicht widerstehen konnten: Til Schweiger besitze ein Hotel am Timmendorfer Strand, Daniel Brühl eine Tapas-Bar in Kreuzberg, Uwe Ochsenknecht eine Musikkneipe auf Mallorca und so weiter. Maffay kann sich das nur so erklären: "Das liegt daran, dass Künstler bei allem, was sie tun, mit Menschen kommunizieren, und dass ein Gasthaus eben ein Ort der Kommunikation ist." Ein Gastwirt schaffe einen Rahmen für Austausch und Geselligkeit, im Grunde machten Künstler das mit Konzerten, Filmen oder Ausstellungen nicht anders.

In seinem Lebensratgeber, der sich aus einem inzwischen 70-jährigen Erfahrungsschatz speist, bezieht Maffay das Große und Ganze wie das Kleine und Feine immer wieder auf die Künste. Auch wo sie bei ihm selbst entspringen, lässt sich herauslesen. Das sind weniger die treibenden Jahre, wo sich alles um "Gitarren, Mädchen und Motoren" drehte. Schon als Orgeljunge im rumänischen Kronstadt bediente er in der Martinskirche den Blasebalg und spürte wohl bereits mehr, als er es wusste: ohne Musik kein Glaube. Beides sind heute die "Motoren" seines Seins, nur reflektierter. Auf dem Album "Jetzt!" (die 19. Nummer 1 des in diesem Sinn erfolgreichsten Rockers des Landes) trifft sich dies etwa im Stück "Größer als wir". Bei dem bat Maffay seinen Text-Partner Johannes Oerding: "Schreib' es als Gebet!" Und so verknüpft Maffay vieles in seinem Buch.

In Liedern sei er sonst gezwungen, mit wenigen Worten auf den Punkt zu kommen. Nun hat er 251 Seiten, seine Weltsicht auszubreiten. Und das sei durchaus eine Aufgabe seinesgleichen, nämlich "Leuchtturm" zu sein, was ja längst nicht alle Entertainer so sehen. "Künstler, egal ob Maler, Bildhauer, Schriftsteller, Schauspieler, auch Journalisten und alle, die die Möglichkeit haben, Informationen und Standpunkte zu multiplizieren, sind aufgefordert, sich zu positionieren", fordert aber Maffay, "Musiker bilden da keine Ausnahme." Dieses Denken begann bei ihm Ende der Neunziger, als Kollegen, allen voran Hannes Wader, ihn rügten: "Du erreichst viele Menschen. Mensch, Peter, mach' was draus." Und eine Begegnung mit der von ihm verehrten Friedensbardin Joan Baez, die den halben Erlös ihrer Konzerte an die Kunst-Hilfsorganisation "Bread and Roses" spendete, brachte ihn dazu, selbst den Verein "Horizon", eine Stiftung und die Tabaluga-Häuser aufzubauen, in denen jedes Jahr 2000 traumatisierte Kinder schöne Erlebnisse sammeln dürfen. Das jüngste steht auf Gut Dietlhofen im Pfaffenwinkel. Auch dieses Gehöft musste Maffay einfach haben, als er diese "kleine, heile Welt" vor wenigen Jahren entdeckte und die dort grasende Bisonherde ihn an den Besuch im Lakota-Rersevat während seines Weltmusikprojektes "Begegnungen" erinnerte.

Auf Gut Dietlhofen sei Maffay, einst "krankhaft rastlos", angekommen. Auf seinem 251-seitigen Rundgang erfährt der Leser, warum. Der Musiker und nun auch Landwirt kommt fast jeden Tag von Tutzing herüber, um sich die Eier frisch vom Huhn einzusammeln - "mein größtes Vergnügen", das sei keine Geschmacksfrage wie die Musik: "Zwei Eier sind zwei Eier, das ist konkret." So klären sich die Gedanken zu Politik, Flüchtlingen, Naturschutz, Familie, Architektur, Spiritualität oder Kehrbesen ("etwas für Experten"), alles so praktisch wie persönlich. Und auch wenn sich einiges liest wie ein Werbefaltblatt für den Hofladen (Bisonfilet, das beste Fleisch der Welt, für 99 Euro das Kilo), will Maffay vor allem eines: Menschen zusammenbringen, damit sie, ob im Gutscafé, bei Veranstaltungen in der neuen Begegnungsscheune oder beim Gemüse-Selberernten auf dem Bio-Acker, "Erlebnisse und Erinnerungen" sammeln. Genau wie bei Konzerten. Das ist so archaisch wie trendbewusst, und passt perfekt zu den wiederentdeckten Grundbedürfnissen der Isolierten in Corona-Zeiten. So auch jene Hütte im Wald, die auf keinem Plan verzeichnet ist. Hier kommt der Maffay zur Ruhe, und lässt auch andere in Frieden mit seiner doch gern bestimmenden Art. Wie die Romantiker in den Eremitagen schöpft Maffay in der Einsamkeit und im Takt der Natur aus dem Vollen, auch für seine Musik: Alles fließt, alles verändert sich, "wir Menschen müssen das akzeptieren, wenn wir unser Leben in Balance bringen möchten".

© SZ vom 17.04.2020

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