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Pop:Stallwarmer Reggae

Kapelle So & So

Breit aufgestellt sind alle Mitglieder der Kapelle So & So musikalisch, sagt der Tubist Stefan Huber (r.), der auch bei La Brass Banda spielt. Im Grunde seien sich die Volksmusiken dieser Welt ohnehin ähnlich, wenn sie "mit Feeling" gespielt werden.

(Foto: Sebastian Huber)

Die "Kapelle So & So" und bayerische Musik-Prominenz interpretieren Songs von Bob Marley und "The Wailers" neu

Von Michael Zirnstein

Von Bayern aus war Jamaika ewig weit weg. 8500 Kilometer vom Flughafen München aus. Aber einmal im Jahr rückte die Welt zusammen, und Stefan Huber war von Anger hinter Bad Reichenhall aus über die A 8 gleich im Reich der Rastafaris. Der "Chiemsee Reggae Summer" in Übersee war "Pflichttermin" für ihn und seine Freunde seit er mit 16 Jahren zum ersten Mal hingedurft hatte. Die "richtigen Reggae-Künstler" hätten ihm bei dem Open-Air am besten gefallen, erinnert er sich, "so Leute wie Damian Marley", eines von Bob Marley angeblich zwölf bis 46 Kindern. So eine jugendliche Prägung hält für immer. Obwohl Stefan Huber in den Kapellen die Tuba fest im Griff hatte und umgekehrt ("Er war ein dickes, unbeliebtes Kind", steht über ihn zu lesen), obwohl er immer schon auch bekennender Fan bayerischer Volksmusik war und im Studium an der Bruckneruni Linz seinen Musikgeschmack erweitern sollte, was ihn letztlich zu Bayerns Parade-Bläsern La Brass Banda brachte, so hat er doch nun seiner Reggae-Leidenschaft ein musikalisches Denkmal gesetzt. Mit seiner Kapelle So & So hat er die Hit-Sammlung "Legend" von Bob Marley und The Wailers, das meistverkaufte Reggae-Album der Geschichte, in bayerische Wirtshausmusik übertragen.

Denkt man nun sofort, hm, hat das nicht schon mal jemand gemacht?, dann liegt das wohl daran, dass Volksmusikcombos neuer Art schon lange keine Kulturraumgrenzen mehr kennen. Aber selbst wenn, ist das so wie von So & So sowieso noch niemandem gelungen. Die 2016 für einen siebenstündigen Brauereiauftritt in München gegründete Kapelle hatte in ihrem breiten Repertoire vom "Kufsteinlied" bis "Sir Duke" im immer größer werdenden Anteil von Selbstverfassten bereits vorher Reggaestücke. Dies gefiel La Brass Banda-Schlagzeuger Manu Da Coll besonders, als er unter seinem Pseudonym Cpt. Yossarian eine Nummer des zweiten So & So-Albums durch jamaikanische Echokammern hallen lassen sollte (zum Nachhören: "Metzger in Dub"). Er riet dringend zu einem kompletten Reggae-Album. Die Idee fiel zunächst dem strammen Konzertbetrieb zum Opfer, erwies sich aber nun im Corona-Stillstand als Segen: "Es war unsere Beschäftigungstherapie", sagt Huber.

Mit dem Projekt "BOB" hatten die Tournee-befreiten etwas zu tun. Dass sie bei den Aufnahmen alle vereinzelt in ihren jeweiligen Wohnungen oder Studios saßen, hört man dem derzeit nur downloadbaren Werk (später könnte es auf Vinyl erscheinen) nicht an, vielmehr eine gesellige Spielfreude, wie sie nur langjährige Weggefährten dicht fließen lassen können - "Jamming" eben, wie vorbildgetreu der letzte Track der Playlist heißt.

Bei dem hat Marja Burchard Melodica gespielt. Mit dem Psychedelic-Jazz-Rock ihrer Gruppe Embryo - "eh eine Kultband", schwärmt Huber - ist sie sonst ziemlich weit entfernt von der Danzlmusik der sechs, im Reggae aber vereinen sie sich kongenial. Das gilt für alle Gastmusiker, denn das war Konzept: In jedem der 14 Stücke übernahm ein anderer Solist den Gesangspart von Marley, und dies instrumental. Obwohl bei den So & Sos sonst alle singen, sang hier niemand (außer mal im Background). "Marleys Stimme ist so authentisch, da wäre die Gefahr zu groß gewesen, das zu verschandeln", erklärt der Tubist. Es sollte eine Huldigung sein, und so wollten sie auch nicht "in die Klischeefalle tappen" und das ganze alpinistisch aufpeppen, etwa im Polka-Modus wie die Global Kryner. Während Stefan Huber, Manu Haitzmann (Basstrompete), Wasti Höglauer (Flügelhorn), Korbi Weber (Flügelhorn), Michi Graf (Gitarre), Hansi Auer (Ziach) und stets auch Manu Da Coll auf einem Lederkofferschlagzeug also schön nah gefühlt am Original die "Playalongs" einspielten, fiel ihnen meist gleich schon ein, welche Musikerpersönlichkeit sie aus ihrem weiten Freundes- und Arbeitskreis von Hätidadadiwari bis zu den Egerländer Musikanten dazu bitten würden. Hier war Corona von Vorteil, weil selbst ausgebuchte Kollegen wie Thomas Gansch von Mnozil Brass auf einmal Zeit hatten. Letzterer trompetete zu "Could You Be Loved", dem Wolfi Schlick von der Express Brass Band noch wilde Querflöten-Ritte verpasste. "Bei solchen Stücken brauchst du Leute, die sich frei bewegen", sagt Huber, "wie auch beim siebenminütigen ,Exodus'". Durch diesen tobte jazzig Johnny Bär von HMBC mit der Posaune. Trompeten-Stars sind auch dabei: La-Brass-Banda-Boss Stefan Dettl in "One Love". Und Stofferl Well, Hubers großes Idol, weil der wie Marley und eigentlich alle großen Musiker einen unverwechselbaren Stil hätten, im eröffnenden "Is This Love".

"Um auch ein bisserl aus dem Blechbläser-Jargon rauszukommen", überließen sie die bekannten Melodielinien bei "No Woman No Cry" der Ziach von Florian Ritt von Folkshilfe, bei "I Shot The Sheriff" der herrlichen knatschigen Bratsche Maria Hafners (Zwirbeldirn) oder beim stubenmusi-artigen "Redemption Song" der Zither von Gerhard Lexhaller. Hier sitzen Schunkeln und Groove Schulter an Schulter, dieser höchstmusikalische Hybrid entspannt und beschwingt gleichermaßen wie eine Hopfen-Hanf-Schorle. "Auch die bayerische Volksmusik lebt vom Offbeat", erklärt Huber, "der Unterschied ist nicht riesig, es geht immer nur ums Feeling." Bei Marley aber auch um mehr: um Politik (wie etwa in "Get Up, Stand Up", dem Kampflied von Amnesty International) und Spiritualität. Auch damit haben sie sich eindringlich beschäftigt, wie auch mit seinem Ende. Das schafft eine unrühmliche Brücke von Bob Marley, der heuer 75 Jahre alt geworden wäre, nach Bayern. Bevor er am 11. Mai 1981 auf der Rückreise nach Jamaika in Miami starb, verbrachte der an Krebs erkrankte Weltstar die letzten Wochen seines Lebens am Tegernsee. Die Leute hier mochte er, das nasskalte Wetter nicht. Seine Hoffnung auf Heilung durch die dubiosen Heilmethoden in der Klinik von Josef Issel in Rottach-Egern wurde enttäuscht. Noch heute glauben viele seiner Fans in seiner Heimat, Bayern habe ihr großes Idol auf dem Gewissen. "Das ist sicher keine schöne Verbindung", sagt Huber, "aber in der Freiheit der Musik, dem Hoffnungsvollen, der Lässigkeit, da sind wir doch gar nicht weit voneinander entfernt."

Kapelle So & So, 25. Sep. Freilassing, 26. Sep. Waging am See, 2. Okt. München, Brunnenhof

© SZ vom 25.09.2020

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