Dass Sex, Drugs and Rock’n’Roll beim Vatikan nicht gut ankommen, ist kein Geheimnis. Mancher Star wurde auch schon mal vom Papst persönlich gerügt. Das beruht auf Gegenseitigkeit: Auch die rebellische Rockmusik kann oft dem spießigen, verstaubten Christentum nichts abgewinnen.
Trotzdem finden sich in unzähligen Songs biblische Bezüge – zum Himmel oder zur Hölle, zu Jesus, zur heiligen Mutter Maria oder zu Gott. Ist AC/DCs „Highway to Hell“ also doch ein Glaubensbekenntnis? Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Der Schriftsteller Uwe Birnstein befasst sich mit der Schnittstelle zwischen Religion und Rock. Er zeigt, dass diese beiden Pole in vielerlei Hinsicht vereinbar sind.
Aber geht das überhaupt? Religiöse ehrfürchtige Botschaften von exzessiven Rockstars? Von Sängern wie Mick Jagger, der sich neben seinen Drogen- und Sexskandalen in „Sympathy for the Devil“ ganz offen als Luzifer ausgibt und für mehr Verständnis für den Urheber des Bösen plädiert? Oder von Madonna, die in „Like a Prayer“ ihre spirituelle Zuneigung auf die Spitze treibt und Gott verführt? Birnstein ist davon überzeugt.
Der Glaube und die Musik spielten bereits in der Jugend von Uwe Birnstein eine große Rolle. Es war aber nicht die typische Sakralmusik à la Bach oder Vivaldi, die ihn ansprach. Viel mehr waren es Musiker wie Leonard Cohen oder Bob Dylan, deren Musik seinen Glauben prägte. Er absolvierte ein Theologiestudium, um Pastor zu werden. Geworden ist er am Ende Journalist und Schriftsteller. Den Menschen bringt er den Glauben in seinen Büchern trotzdem nahe.
Als Biograf hat sich Birnstein dem Leben verschiedener Musiker gewidmet, darunter die genannten Cohen und Dylan sowie Udo Lindenberg und Johnny Cash. Im Vergleich zu den unzähligen Beiträgen über diese Musiker betrachtet er sie aus einer theologischen Perspektive. Der Fokus liegt dabei auf der spirituellen Seite der Musiker, deren Leben stark von irgendeiner Form des Glaubens geprägt war.
Es ist keine Überraschung, dass die Musiker – wie die meisten Menschen – in irgendeiner Form gläubig sind. Doch wie steht es um den Glauben in den Liedern?
Das lässt sich am deutlichsten im 2024 beim bene!-Verlag erschienenen Buch „Highway to Heaven“ erfahren, welches Birnstein gemeinsam mit dem Soziologen Volker Eichener verfasst hat. In 22 bündigen Kapiteln untersuchen die beiden Autoren die spirituellen Botschaften verschiedener Songs aus mehr als 60 Jahren Popmusik. Die Bandbreite reicht dabei von christlich angehauchtem Rock und Pop von U2 oder Taylor Swift bis zur vermeintlichen Teufelsmusik von den Rolling Stones, Black Sabbath oder auch Madonna. Was die Leserinnen und Leser hier entnehmen: In den Hits steckt ziemlich viel biblisches Zeug.

Viele interessante, teilweise überraschend tiefgehende Bezüge zum Glauben lassen sich in „Highway to Heaven“ finden. Dazu gehören der Zweifel an Gott in der säkularisierten Gesellschaft in Joan Osbournes „One of Us“, die Kommerzialisierung des Glaubens in Depeche Modes „Personal Jesus“ oder die Völlerei und deren Konsequenzen in „Highway to Hell“. Auch ernstere Themen, wie der Umgang mit dem Tod von geliebten Menschen (Eric Claptons „Tears in Heaven“) oder die Frage, warum Gott Leid und Krieg zulässt (Udo Lindenbergs „Interview mit Gott“), finden ihren Platz im Buch.
All das behandeln Birnstein und Eichener mit einer angemessenen Lockerheit. Die Songtexte werden ernst genommen und als ebenbürtige Verarbeitung biblischer Geschichten betrachtet, auch wenn sie gerne mal „religiously incorrect“ ausfallen.
Dass Birnstein auch selbst musiziert, ist an dieser Stelle kaum überraschend. Ergänzend zu seinen Büchern hält er nämlich konzertante Lesungen, bei denen er Songs in der Manier eines Dylan mit leichter Gitarrenbegleitung und rauer Sprechgesangsstimme covert. Songs, die sonst von Tausenden bei Konzerten mitgesungen werden, erklingen in diesem Kontext ungewohnt intim, vielleicht auch ein wenig sakral. So gelingt die Versöhnung von Glauben und Rockmusik.
Welche christlichen Botschaften haben nun Mick Jagger und Madonna? Der Sänger der Rolling Stones wusste nur zu gut, dass auch Böses in uns steckt. Jeder Mensch neigt zur Sünde, besonders diejenigen, die meinen, alles richtig zu machen. Und Madonnas sexuelle Vereinigung mit Gott dient nicht (nur) dem Skandal. Vielmehr offenbart die katholisch erzogene Musikerin ihren Umgang mit menschlichen Bedürfnissen und den Schuldgefühlen einer Sünde. Unkonventionell, aber nicht unbedingt unchristlich.
Uwe Birnstein, Volker Eichener: Highway to Heaven. Die spirituelle Botschaft in Songs von AC/DC bis Led Zeppelin. bene! 2024, 22 Euro.
Highway to Heaven – Musiker und ihre Spiritualität. Geschichten, Bilder und Musik. Verschiedene Termine. Infos unter www.birnsteinsbuero.de/termine/

