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Pop:Per Anschalter durch die Galaxis

Wie klingt die Zukunft? Die Münchner Indie-Band "Aloa Input" hätte da mal einen Vorschlag. Ihr neues Album ist leuchtender Science-Fiction-Pop, in dessen Textwelten Menschen Wasser atmen

Von Martin Pfnür

Am Ende bricht das ganze Unternehmen zu den Sternen auf. Wenn schon nicht im praktischen Sinne, so doch in Form einer Absichtserklärung: ein Lagerfeuerschrabbeln, so windschief wie der Turm zu Pisa, ein paar hübsch dazwischenflimmernde Akkorde auf der Elektrischen, dann eine Art Mini-Duett zwischen einer menschlichen und einer robotischen Stimme, die beide mit einer gewissen Zuversicht verkünden, dass das Universum ja noch eine Menge Orte bereithalte, an die man sich flüchten könne. "Universe Keeps Places" heißt das astrale Finale, mit dem das Münchner Indie-Trio Aloa Input sein drittes Album "Devil's Diamond Memory Collection" (Siluh Records) beschließt. Eine Konzept-Platte, die einem mindestens ebenso viele tolle musikalische Momente wie offene Fragen beschert. Was zum Teufel hält der Teufel da eigentlich in seiner diamantenen Erinnerungssammlung fest? Warum bleibt die Stimmung angesichts eines bevorstehenden Abschieds von der offenbar nicht mehr bewohnbaren Erde so tiefenentspannt? Ist das womöglich eine oder einer dieser durchgeknallten Prepper, die oder der da auf dem Cover des Münchner Künstlers Daniel Schüßler verborgen vor einem blauen Haus im Zelt sitzt? Oder, ganz grundsätzlich: Worum genau geht's hier eigentlich?

Fragt man bei dem Sänger und Songwriter Florian Kreier nach, der auch Solo-Songs als Angela Aux und Literarisches als Heiner Hendrix schreibt, so stand am Anfang des Albums, ein regelrechter "Mahlstrom aus Gedanken". Kreier zählt Inspirationen aus Utopien und Dystopien, aus der Zukunftsforschung und der Science-Fiction auf, und verweist ebenso auf Elon Musk und die "Per Anhalter durch die Galaxis"-Romane von Douglas Adams wie auf das Voranschreiten der Künstlichen Intelligenz oder die Erweiterung der Körpergrenze durch Bio-Technologie. "Wir erleben den Übergang ins digitale Zeitalter, damit einher geht die Auflösung vieler Strukturen", sagt er. "Die meisten dieser Prozesse werden jedoch nur auf einer Folie zwischen Gut und Böse betrachtet. Wir wollen auf der Platte in den Zwischenbereichen erzählen, in den experimentellen Bereichen kramen, Bilder und Gedanken aufwirbeln, das Interesse dafür wecken."

Aloa Input

Krautrock, Sixties-Psychedelik oder eine Erinnerung an Ennio Morricone: Florian Kreier, Markus Grassl und Cico Beck (v.l.) zitieren sich als "Aloa Input" durch die Popgeschichte und landen auf unbekanntem Terrain.

(Foto: Matthias Kestel)

Der Input, bei Aloa Input ohnehin schon namensgebend, ist diesmal also nicht nur musikalisch gewaltig, sondern auch thematisch. Konzeptuell überladen wirkt das Album trotzdem nicht. Dafür sind diese Textwelten, in denen auch mal der Himmel herabzufallen oder die Erde zu ertrinken droht, in denen Menschen Wasser atmen können oder sich zwecks Selbstfindung ins Gefängnis wünschen, dann doch zu sehr im Surrealen angesiedelt. Ein ziemlich undurchdringbares Stück Science-Fiction-Pop, das eher als Reflexionsfläche fungiert, habe man da geschaffen, sagt Kreier, und erzählt von einem "ultrakleinteiligen" Arbeitsprozess, dem er sich mit Cico Beck, der auch bei The Notwist die Elektronik bedient, und Gitarrist Marcus Grassl unterworfen habe. "Wir haben viel probiert und wieder verworfen, Songs zerstückelt und Teile übernommen. Unser Ziel war es, eine Art Mikro-Kultur zu entwickeln, indem wir uns andauernd gegenseitig interpretiert und gesampelt haben."

Und doch klingt das Ergebnis weit weniger verhackstückt und verkopft, als man meinen könnte, ist vielmehr ein feinteilig zusammengesetztes musikalisches Mosaik, das in den buntesten Farben leuchtet. Wattierte Sixties-Psychedelik mit Blockflötenfinale und verzirpte Indietronica mit Sprechgesangseinlagen, tiefenmelancholische Neo-Americana mit Morricone-Westernnote oder ein grandios nach vorn strebender Krautrock-Exzess wie im Titelsong - von ihrer Lust am Zitieren und Umdeuten, die sie 2013 erstmals auf "Anysome" demonstrierten, haben Aloa Input kein Stückchen eingebüßt. "Wir wollten eine Platte machen, die auch als KI-basierte Komposition psychedelischer Pop-Musik aus der Zukunft vorstellbar ist", sagt Florian Kreier. Könnte glatt hinkommen.

Aloa Input: Devil's Diamond Memory Collection, erschienen bei Siluh Records

© SZ vom 22.06.2021
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