Die Geschichte des Schlagers ist eine Geschichte der Missverständnisse. Schon, weil es den einen Schlager gar nicht gibt, der Begriff wandelt sich ständig wie seine moderne Überschreibung: Pop. Der Brockhaus erklärt Schlager als „populäres Unterhaltungs-, Stimmungs- und Tanzlied“, meist in der Landessprache, hierzulande also: Deutsch.
Schlager war bereits im 19. Jahrhundert eine geläufige Bezeichnung für Gassenhauer (neudeutsch: Hit), später wurde ein bunt gemischtes Musikgenre draus, heute verbindet er in seiner modernen Form meist: Pop-Produktion von heute und das Heile-Welt-Geschunkel der Wirtschaftswunderjahre.
Seit Helene Fischer, deren Jahr 2026 sein soll, wenn sie auf die größte Tournee ihrer atemlosen Karriere geht (17. Juli, Allianz-Arena), sind deutscher Pop und Schlager nicht mehr voneinander zu trennen. Wobei man bei ihren Konzerten schon noch deutlich an den Beats hört, welches Lied fürs Radiohörer-Ohr programmiert ist, und welches für die Disco-Fox tanzenden Anhänger. Das wiederum ist eben der große Unterschied zu Sarah Connor, die auch sehr gefällige deutschsprachige (seit „Muttersprache“ von 2015) Musik macht, sich aber gedanklich eben mehr als „Freigeistin“ (aktuelles Album) versteht und musikalisch dem Soul verpflichtet fühlt (Sonntag, 29. März, Olympiahalle).
Dabei muss einem Schlager auch dank Helene doch gar nicht mehr peinlich sein. Er wird aber leider auch nicht mehr so spaßig, bunt und ironisch gefeiert wie noch in den Neunzigern. Als Deutschland tatsächlich den komischen Onkel Guildo Horn zum Schlager-Grand-Prix schickte, der da schon ESC hieß. Gerade in München blühte damals eine wunderbare Feierszene um Petra Perle, Rex Kildo und Familie Sonnenschein, die gerade die alten ZDF-Hitparaden-Granden hochleben ließ.

Von denen sind schon nicht mehr allzu viele unterwegs. Und einer geht – mal wieder – auf große Abschiedstournee: Howard Carpendale. Mit jetzt 80 würde man ihm den Ruhestand durchaus gönnen, wenn er ihn denn diesmal durchhält. Seine Klassiker aus 60 Jahren wie „Samstag Nacht“, „Nachts, wenn alles schläft“ oder „Tür an Tür mit Alice“ hat er jetzt noch einmal auf dem Album „Zeitlos“ neu aufgenommen, so wie er sie für zeitgemäß hält. Dass er „Sophia Loren“ mit den Augsburger Ragazzi Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys spielt, spricht für ihn als junggebliebenen Entertainer.

Den schönen Italo-Schlager nach Deutschland zu bringen, ist ja auch Carpendales Verdienst schon seit „Ti Amo“. Davon profitiert Giovanni Zarrella (bekannt geworden vor 25 Jahren mit der Pop-Boygroup Bro’sis!) heute noch. Wie Helene Fischer hält der singenden Fernsehansager die große Kunst der Schlagerstar-Feste hoch – neue Hits und große Beichten werden heutzutage in seiner „Zarrella-Show“ gemacht. Als Live-Ereignis kommt dem Die Schlagernacht des Jahres am nächsten. „Das Original lässt Herzen höher schlagen“, heißt es wieder in München am 28. März in der Olympiahalle. Die sechsstündige Marathontour zeigt den Schlager in allen Facetten mit Matthias Reim (verdammt liebevoll), Ben Zucker (ziemlich raubeinig), Melissa Naschenweng (volkstümlich Barbie-haft), Andy Borg (volkstümlich herzlich), Oli P. (kumpelig), Mickie Krause (ballernd) und Angela-Merkel-Freundin Vicky Leandros, die auf ihrer x-ten Ehrenrunde noch immer das Leben liebt.
Da fehlt eigentlich nur: Giovanni Zarrella. Aber der gibt bald selbst ein Konzert, in dessen Zentrum sein kommendes Album steht. Dazu ist schon bekannt, dass er es mit Bob Rock aufnimmt, bei dem der Name Programm ist, weil er schon mit Metallica und Bon Jovi produziert hat, allerdings auch mit Cher und Michael Bublé.
Wer angesichts dessen sich doch nach authentischer italienischer Musik sehnt, also sogar noch weniger schlagerhaft als beim Festival von San Remo, der könnte im Deutschen Theater glücklich werden. Denn dort singt in Zusammenarbeit mit dem italienischen Kulturinstitut Elena Bonelli, „die Stimme Roms“, die Diva will die Gäste im Silbersaal als eine Art Zeitreiseführerin „in Tönen, Bildern und Geschichten“ in ihre ewige Stadt mitnehmen (22. März).
Zurück zu Zarrella: Interessant ist noch der Ort seines Konzertes am 4. Mai: die Isarphilharmonie, die sich damit nun wirklich als Ort für jegliche Musik auch fern der Klassik etabliert haben dürfte. Dass der große Saal des Gasteig HP8 ein Multifunktionsort ist, sieht man freilich auch am Auftritt von Benjamin von Stuckrad-Barre und Jan Delay (16. Mai). „Vorglühen“ ist nicht etwa ein Ballermann-Saufabend des Pop-Literaten und des Rappers, sondern ihre Einstimmung auf den 80. Geburtstag von Udo Lindenberg just am Tag darauf, am 17. Mai.
Sie lieben den Udo. „Seit unserer Kindheit bereiten wir uns auf diesen Abend vor – schließlich haben wir durch Udos Lieder und vor allem durch seine Texte sprechen, schreiben und singen gelernt. Und alles über die Liebe, die Nächte und das Feiern. Kurzum: das Leben“, sagen, „Stucki-Man“ und „Janmann“. Stuckrad-Barre hat gerade im Buch „Udo fröhliche!“ Lobeshymnen von A wie „Alkohol“ bis Z wie „Zigarre“ getextet. Und Delay huldigt dem Nuschel-Udo schon deshalb, weil der „als Erster in deutscher Sprache sang“. Das mag geschichtlich missverständlich ausgedrückt sein, aber niemand käme auf die Idee, Panik-Udo und seine genialen Verse wie „Mit dem Sakko nach Monaco“ dem Schlager zuzuordnen.




