Was läuft im Pop in München?Nostalgische Männer, wütende Frauen

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Ehemals „One Direction“, jetzt solo: Louis Tomlinson kommt in die Olympiahalle.
Ehemals „One Direction“, jetzt solo: Louis Tomlinson kommt in die Olympiahalle. Live Nation

Johannes Oerding lädt ins Hotel ein, Louis Tomlinson in die Tropen, während „Kapa Tult“ und „6euroneunzig“ am Patriarchat rütteln. Die Konzert-Tipps für den April.

Von Jürgen Moises

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Vor ein paar Tagen war in dieser Zeitung vom „Divorced Dad Rock“ die Rede. Gemeint ist damit das Phänomen, dass lange als 08/15-Rock verpönte Songs von Nullerjahre-Bands wie Nickelback oder Papa Roach plötzlich massenhaft auf Tiktok oder Streaming-Diensten auftauchen. Mit der Erklärung, dass geschiedene Väter diese als Soundtrack für ihre Midlife-Crisis herauskramen, ihre Kids das „cringe“ finden und ironisch auf sozialen Medien kommentieren. Da mischen sich zwei Welten, wie es auch bei Rock Meets Classic am 12. April in der Münchner Olympiahalle passiert. Auch da werden alte Rocksongs hervorgekramt. Nur ist das beteiligte „Medium“ hier kein neues, sondern: ein Symphonieorchester. Und anstatt „cringe“ zu sein, werden die alten Lieder als „Klassiker“ geadelt.

Mit Musikern wie Joey Tempest von Europe, Michael Schenker von den Scorpions oder Eric Martin von Mr. Big werden bei „Rock Meets Classic“ gleich „fünf Jahrzehnte Rockgeschichte“ aufgefahren. Veredelt und aufgepeppt durch Streicher. Und das zum letzten Mal. Denn das 1992 gegründete Format verabschiedet sich mit der aktuellen Tour. Auch bei Eric Goulden alias Wreckless Eric hätte es schon oft vorbei sein können, wie man nach der Lektüre seiner 2024 erschienenen Autobiografie „A Dysfunctional Success“ denkt. Der Londoner Pubrocker, der 1977 mit „Whole Wide World“ seinen einzigen Hit hatte, schlug sich jahrelang mit Alkoholismus, Geldmangel und absurden Aushilfsjobs herum. Aber: Er ist immer noch da und am 23. April in der kleinen X-Bar in München.

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Auch für einen ehemaligen Boygroup-Boy wie Louis Tomlinson, der am 17. April in der Olympiahalle singt, stellt sich die Frage, wie man als Musiker in Würde altert. Und was nach der Karriere mit One Direction noch folgen soll. Sein Kollege Harry Styles, der sich kürzlich mit dem Berlin-Album „Kiss All The Time. Disco, Occasionally“ zurückgemeldet hat, tänzelt ganz oben in der ersten Liga. Zayn Malik, der 2015 aus der Boygroup ausstieg, fuhr trotz Hits und Taylor-Swift-Duett seine Solo-Karriere an die Wand. Und Tomlinson? Schlägt sich recht wacker. Er hat im Januar mit „How Did I Get Here?“ sein drittes, in den deutschen Charts weit vorne gelandetes Solowerk herausgebracht. Das klingt recht lässig, wie ein Tag im Club Tropicana.

Ins „Hotel“ lädt dagegen Johannes Oerding mit seinem neuen, gleichnamigen Album ein, das der Musiker am 18. April in der Olympiahalle vorstellt. Der Titel ist so ein bisschen eine Hommage an den ewigen Hotel-Gast Udo Lindenberg, hat aber auch mit Oerdings kürzlichen Reisen durch die USA, Mexiko, Neuseeland und Japan zu tun. Mit einquartiert in sein „Hotel“ hat der auch von TV-Formaten wie „Sing meinen Song“ bekannte Musiker als Gäste Sarah Connor, Peter Maffay und Michael Patrick Kelly. Das Ergebnis: eine geradlinige Singer-Songwriter-LP, mit viel Selbstfindungsprosa, aber auch politischen Tönen. Seinen Fans wird der „Hotel“-Besuch sicherlich gefallen.

Anballern gegen das Patriarchat: „6euroneunzig“ kommen in die Rote Sonne.
Anballern gegen das Patriarchat: „6euroneunzig“ kommen in die Rote Sonne. 6euroneunzig

Was in diesem Hotel ein halber Cappuccino kostet, könnte man sich fragen. Womit wir bei Kapa Tult aus Leipzig wären. Die aus drei jungen Frauen und einem Mann bestehende Band hat vor zwei Jahren mit „1/2 Cappucino“ einen kleinen Indiehit gelandet, dessen Text sich um das prekäre Musikerinnen-Dasein dreht. Am 8. April präsentieren Kapa Tult nun im Strom ihr zweites Album „Immer alles gleichzeitig“, das neben lässigem Lofi-Indiepop wieder trockenen Humor und doppelbödige Wortspiele bietet: zu Themen wie Einsamkeit, Datingmüdigkeit oder der Suche nach authentischer Romance im öffentlich-rechtlichen TV.

Während Kapa Tult ihre Kritik an den Verhältnissen charmant und doppeldeutig formulieren, gibt es bei 6euroneunzig, nun ja, eins in die Fresse. Das Berliner Duo machte bereits mit Singles wie „Tittentraining“ und anarchischem „Fotzenrap“ à la Ikkimel oder Zsá Zsá von sich reden. Im Februar kam das Debütalbum „Fotzen an die Macht“ heraus. Wer eine Art Gegenprogramm zum „Divorced Dad Rock“ oder zu „Rock Meets Classic“ sucht, wird beim Konzert am 10. April in der Roten Sonne bestimmt fündig. Hier wird ohne Rücksicht auf Verluste gegen das Patriarchat angeballert. Oder wie es im Song „F.A.D.M.“ heißt: „Pimmel weg, Pimmel weg, jetzt ist Schicht im Schacht“.

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