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Pop:Inspirierte Gemeinschaft

Zwinkelmann

Dominik Lutter und Josip Pavlov (von links) kombinieren akustische Instrumente und Postrock.

(Foto: Echokammer)

Die Glockenbach­werkstatt stellt in einer Konzertreihe im Internet die Underground-Szene Münchens vor

"Jetz hob i Blosn auf die Finger", sagt Dominik Lutter alias Domhans am Ende seines auf Gitarre gespielten Instrumentals "Grod zwoa mal glacht". Es fällt auf, dass er diesen Kommentar nicht aus der vor acht Jahren beim Münchner Label Echokammer erschienene Aufnahme herausgeschnitten hat. Als wäre es ihm wichtig, dass seine bayerisch betitelten Instrumentalstücke auf dem Album "Hoam Geh" auch mit seinem gesprochenen Dialekt assoziiert werden. Trotzdem bajuwarisiert Domhans seine Aussprache nicht so penetrant wie das oft in der Kleinkunstszene gehandhabt wird. Seine an Stubnmusi angelehnten Kompositionen leben auch Elemente der Jazzmusik und des Postrocks aus. Wobei sein Postrock hier nicht nur genretypisch den Flow einer elektronisch generierten Clubmusik auf typische Rock-Instrumente überträgt. Vielmehr werden repetitive Gitarrenfiguren auch mal mit Bläsern, Streichern oder sonstigen Instrumenten ausgeschmückt.

Ähnlich schöpft auch Labelkollege Josip Pavlov unter dem Künstlernamen Ippio Payo die Musik. Nur das der aus Kroatien stammende Multiinstrumentalist stärker vom Postrock der Band Tortoise beeinflusst zu sein scheint. In einer kroatischen Blaskapelle eignete er sich als Trompeter ein Repertoire aus Jazz, Klassik und Volksmusik an. In München waren es vor allem solche Live-Clubs, die einer Musikkultur jenseits des Mainstreams nachspüren, in denen Pavlov als Zuschauer und aktiver Musiker Fuß fassen konnte. So organisierte er in der Glockenbachwerkstatt schon bald selbst eine Konzertreihe, in der ab und zu auch seine eigene Band Majmoon auftrat. Hier und in der vom Bassisten Albert Pöschl mitbegründeten Rockband Das Weiße Pferd spielt er Gitarre.

Woanders sitzt Pavlov am Schlagzeug, etwa in der von der griechischen Popsozialisation ihres Frontmanns Nikos Papadopoulos geprägten Punkband The Grexits. Hier wirkt Pöschl übrigens als Gitarrist mit. Weil der zudem der Labelbetreiber von Echokammer ist, wo die meisten von Pavlovs Veröffentlichungen erscheinen, kommt ihm der Verdienst zu, Pavlov mit dessen Label-Kollegen Lutter bekannt gemacht zu haben.

Eigentlich sollte Lutter nur als Gastmusiker in Pavlovs Solo-Projekt Ippio Payo mitwirken. Stattdessen entstand das Gitarrenduo Zwinkelman. Mit einem Koffer voller Instrumente zog dieses sich anfänglich in einer Berghütte zurück, wo die ersten Stücke entstanden. Über die Jahre reduzierte das Duo seine Gemeinschaftskompositionen zunehmend aufs Gitarrenspiel. Andere Instrumente wie Harmonium, Percussions oder Glockenspiel, die anfangs viel stärker auf das musikalische Bild einwirkten, setzen auf dem heuer erschienenen Debüt-Album nur noch dezente Akzente. Das Saitenspiel darauf erinnert indes auch mal an das eines Olaf van Gonnissen, nur ohne die von ihm gespielten klassischen Vorlagen. Oder an das verträumte Zusammenspiel der Gitarristen Sigi Schwab und Peter Horton als Guitarissimo. Nur dass Zwinkelmans Musik von einem Underground-Begriff geprägt ist, der in München mehr eine Frage der Haltung als die einer musikalischen Ausrichtung zu sein scheint. Dieser Underground wird von unterschiedlichen Protagonisten der Münchner Szenen gemeinsam gelebt. Sei es, dass man sich gegenseitig in den Konzerten besucht und also im Publikum immer ausreichend Musiker stehen, die vom Geschehen auf der Bühne inspiriert sofort eine neue Band gründen könnten. Oder sei es, dass die meisten Anwesenden aus solchen Überlegungen heraus ohnehin schon miteinander verflochten sind.

Einen Teil des sich daraus ergebenden Netzwerks präsentiert nun die Konzertreihe "Glocke für zuhause", für die Zwinkelman, zwei Drittel des Suzie Trios, Antun Opic und Lost Name wegen des Corona-Virus ohne Publikum, aber unter Livebedingungen in getrennten halbstündigen Sessions in der Glockenbachwerkstatt auftraten. Dokumentiert mit einer Kamera ist die Reihe von Montag an auf den Internetseiten der Glocke zu sehen, also auf Facebook, Instagram, Youtube oder www.glockenbachwerkstatt.de/blog. Die Reihe startet mit Zwinkelman.

Glocke für zuhause, ab Mo., 6. April, 20 Uhr, www.glockenbachwerkstatt.de/blog

© SZ vom 04.04.2020

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