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Pop:Aus dem Bau ans Licht

Meerkat

Electrobeat mit Erdmännchen: Manu da Coll und Joe Masi (von links).

(Foto: HD Schröder)

Mit "Meerkat Meerkat" und "What Are People For?" stellen sich eigenwillige Musiktüftler bei "Kunst im Quadrat" im Freien vor

Von Michael Zirnstein

Sie wollen mit dem Produzenten-Duo Meerkat Meerkat "maximal flexibel bleiben", sagen Manu da Coll und Joe Masi. Das zeigt der Auftritt bei "Kunst im Quadrat", denn da tritt Masi allein an, quasi als Ein-Mann-Doppel. Das soll nun nicht bedeuten, dass die beiden Musikerprofis das Elektro-Duo nur als Spielerei betreiben. "Für Nebenprojekte hätte ich weder Zeit noch Muße", sagt Masi, dessen Band Das Weiße Pferd zwar gerade "einen längeren Ausritt" hat, der aber als Theatermusiker (bald in Mainz und Frankfurt) stark eingespannt ist. Auch sein Kompagnon da Coll, Stamm-Schlagzeuger von La Brass Banda, der gerade mit der Kapelle So & So Bob Marleys Album "Legend" in bayerische Wirtshausmusik übertragen hat, "brennt" für Meerkat Meerkat. Es sei "hochdramatisch" für ihn, dass er ausgerechnet zum Jubiläum ein Jahr nach dem ersten Auftritt passen müsse wegen seines Familienurlaubs.

Vorteil Elektronik: Vieles ist vorbereitet. Allerdings will er bei der Meerkatzenmusik eben nicht nur "auf den Play-Button drücken", sondern flexibel auf Publikum und Situation eingehen, sagt Masi, der daher extra vor dem Open-Air-Gig auf der Theresienwiese in seinem Tonstudio hochsommerliche Dub-Sounds ausprobieren möchte. Die zwei sind schon mit Schlagzeug, Percussion und Theremin aufgetreten, würden gerne auch mal eine Geigerin dazuholen. So offen entpuppte sich das Projekt vor zwei Jahren bei einer "Artist in Residence"-Aufenthalt in der Villa Lena. Dort in der Toskana gefiel ihnen der Gesang des Koches, und so ist dieser nun als Chef KPE in den Tracks "Blackness" und "Galaxy" zu hören. Auch der in der Villa gastierende Londoner Magnus Chappel sang und rappte ihnen einen dunklen Part zu "Never Anymore". Ein souliges, technoides Stück, das in einem Dance-Club laufen könnte, aber auch einen seltsamen Eighties-DIY-Touch durch ein leierndes elektrisches Lamellophon (eine rare Hohner Guitaret) hat. Alles groovt grandios, dafür bürgt Ex-Pollyester-Motor da Coll, aber auch Kenner kühner Klangkonstrukte haben in den acht auf dem Portal Bandcamp präsentierten Nummern viel zu entdecken: Spinett-artiges Barock-Flirren im achtminütigen "Eleganz". Oder in "One Piece For Synthesizer" ein Sample des Gospel-Gitarristen Blind Willie Johnsons aus "Dark was the night, cold was the ground", das auch auf der goldenen Schallplatte der Apollo-1-Mission Aliens Kunstsinn vermittelt. Die diesem Blues immanente Verzweiflung mit gleichzeitigem Erlösungsversprechen ist auch die Basis ihrer spleenigen wie smarten Dance Music: Melancholie, die sich in Euphorie entlädt.

So ein Ansatz ist rar in der schrammelfreudigen Münchner Indie-Szene. Diese ist ja so sozial wie die namensgebenden Erdmännchen, vergräbt sich aber auch allzu gerne in ihren Bauten. Durch das offene, einladende, vollgepackte und interdisziplinäre Gratis-Programm der von Färberei und Kösk kuratierten "Kunst im Quadrat", begegnen all diese Unikate nun auch einem Zufallspublikum auf der Theresienwiese. Gerade an diesem (bis Montag verlängerten) letzten Wochenende drängt es sie geballt nach draußen. Am Sonntag gibt es außer dem designierten Kammerspiele-Musikchef Sebastian Reier alias DJ Booty Carrell und den Disco-Punk-Freundinnen Wildes noch so ein eigenwilliges Projekt zu entdecken: What Are People For? Die Musik-Performance der jeweils vielseitig Hochbegabten aus Anna McCarthy (Gesang, Texte) und Manu Rzytki (Musik) hat mit Ideen von "menschenvernichtenden Pizzamaschinen" und "Bringt-den-Dreck-zurück-Hymnen" 2018 den Hauptpreis beim Tanz- und Theater-Festival "Rodeo" erstürmt. So geriet WAPF mehr in einen Bühnen-Strudel, das Nationaltheater und die Kammerspiele fragten für eine eigene Opern mit bis zu 20 Mitwirkenden an, woraus leider noch nichts wurde. Jetzt kommt das um den Drummer-Dream-Boy Tom Wu und die singende Tänzerin Paulina Nolte verstärkte Kern-Duo als Band ins Rampenlicht zurück. Kein Problem, sagt McCarthy: "Es war immer flexibel gedacht."

Kunst im Quadrat, So., 16. Aug.: Meerkat Meerkat (18 Uhr), What Are People For? (20.30 Uhr); Theresienwiese, Eintritt frei

© SZ vom 14.08.2020

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