Hertzkammer:Mit Technik zur Natur

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Hertzkammer: Pflanzen hören: Polygonia beschäftigt sich in ihrer Kunst schon länger mit Naturthemen.

Pflanzen hören: Polygonia beschäftigt sich in ihrer Kunst schon länger mit Naturthemen.

(Foto: Niklas Bühler)

Auf ihrem Album "Abbilder einer vergessenen Welt" bildet die Münchner Techno-Künstlerin Polygonia den Klangkosmos europäischer Wälder nach.

Von Anastasia Trenkler, München

Es gibt Zeichnungen und Malereien, die Fotografien bis ins Detail gleichen. So präzise, dass erst der zweite oder dritte Blick den Unterschied ausmacht. Ähnlich ist das mit den Werken der Münchner Künstlerin Polygonia; nur dass ihre Arbeiten Musiktracks sind. "Ich werde oft gefragt, ob ich für mein letztes Album Field-Recordings benutzt habe", sagt Lindsey Wang, wie die Musikerin mit Klarnamen heißt. Die Vermutung liegt nahe: "Abbilder einer vergessenen Welt" vereint acht Tracks, die die Zuhörerschaft auf eine Klangreise durch europäische Wälder schicken - synästhetische Bilder zeichnen von wankenden Eichen und Amphibien, die unter Wasser Bahnen ziehen.

Jeder Titel ist ein Versprechen: "Tanz der Gliederfüßer" oder "König des Waldes" heißen die Stücke. Die Künstlerin legt Assoziationen nahe, ohne zu viel zu verraten oder zu langweilen. Helle und offene Elemente kontrastieren dunkle und strukturierte Tunes. Mal sind die Stücke tanzbar, mal meditativ - Deep-Techno. Vom Vogelgezwitscher, den Fluggeräuschen bis zur knarrenden Rinde hat Polygonia alle Sounds synthetisiert - die organischen Landschaften technisch nachgebaut. "Einige sind davon ausgegangen, dass es sich um Samples handelt, die ich mit einem portablen Rekorder aufgenommen habe. Das ist nicht der Fall", sagt Wang und löst damit das Rätsel vom Ursprung der Klangelemente auf. Sie erzeugt natürliche Stimmungen, die beim genauen Hinhören dennoch artifiziell klingen.

Eben dieser Gegensatz aus Natur und Technologie, den Polygonia mit ihrer Musik aufzeigt, spiegelt sich in der Techno-Kultur wieder. Festivals mit mehreren Tausend Gästen finden in der Nähe von Wäldern statt, wo wummernde Bässe Tiere verschrecken und der Camping-Abfall Felder und Wiesen zumüllt. In den Städten rauben Clubs in Beton-Bunkern dem urbanen Party-Publikum den Schlaf - lassen Menschen vergessen, dass auch sie ein Teil der Natur sind. Wenngleich sich Polygonia schon in vorherigen Arbeiten mit Umwelt-Themen beschäftigt hat, ist ihr aktuelles Album drängender: Die Tracks dokumentieren die Vielfalt der Tier-und Pflanzenwelt außerhalb der Städte, während der Album-Titel an die Menschen in Wohnblöcken und U-Bahnhöfen appelliert: "Abbilder einer vergessenen Welt" ist ein Denkzettel. Das Album macht die Vergänglichkeit der Natur und die Rolle des Publikums darin deutlich. Zeit, sich zu erinnern.

Polygonia: "Abbilder einer vergessenen Welt" (Huinali Recordings)

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