Sergei Polunin "Ich kann und ich will nicht um Entschuldigung bitten"

Sergei Polunin provoziert oft mit seinen Äußerungen und Kommentaren - aber er steht dazu.

(Foto: AFP)
  • Der Russe Sergei Polunin gilt als der bekannteste Balletttänzer unserer Zeit. Und er ist eine streitbare Figur - unter anderem wegen homophober Äußerungen.
  • Deswegen hat ihn etwa die Pariser Oper als Tänzer ausgeladen. In München dagegen trat er nun auf.
  • Auf der Konferenz "Digital Life Design" (DLD) hat er sich zur Kritik geäußert.
Von Jutta Czeguhn und Susanne Hermanski

"Ich kann und ich will nicht um Entschuldigung bitten", sagt Sergei Polunin am Montag auf der Konferenz "Digital Life Design" (DLD) auf der Theresienhöhe, "aber ich weiß, dass mich viele Leute falsch verstehen." Seine Kritik an zu wenig "Männlichkeit" auf den Ballettbühnen etwa werde fehlinterpretiert. Auch wenn sie dazu beigetragen habe, dass die Pariser Oper ihn als Gastsolisten ausgeladen hat, sie sei doch keine Feindseligkeit gegenüber Homosexuellen. Vielmehr gehe es dem 29-Jährigen, den viele als besten Balletttänzer dieser Zeit feiern, darum, klarzumachen, wie wichtig es sei, "die männliche und die weibliche Energie zu zeigen" und eine Balance herzustellen. Anderes hätten die Leute aber auch richtig verstanden, seine Verehrung für Wladimir Putin etwa, er sei für ihn eine Lichtgestalt. Und dies in einer Welt, in der es nun mal Engel und Dämonen gebe.

Sowohl auf der Bühne vor großem Publikum als auch nachher im kleinen Kreis gibt Polunin bereitwillig auf alle Fragen Auskunft. In vielem präsentiert er sich als junger Mann, der, wie er sagt, "irgendwann das Böse in der Welt erkannt hat". Oder der - wie andere das wohl formulieren würden - Anhänger von allerlei Verschwörungstheorien ist. Von seinem Management oder einem PR-Berater, wie bei anderen Künstlern üblich, ist dabei weit und breit keine Spur. Der Tänzer mit den wasserblauen Augen und der zarten, wenngleich drahtigen Gestalt bleibt auch dann noch im Ton freundlich, als Tanit Koch, ehemalige Bild-Chefredakteurin, ihn in Diensten des DLD vor versammeltem Saal fragt, wie wohl seine nächste Freundin damit zurecht kommen werde, wenn sie beim Sex Putins Konterfei auf seiner Brust ins Auge blicken müsse. "Ich muss das jetzt ja jeden Tag tun", erwidert Polunin, "und Tattoos werden mit der Zeit ganz Teil seiner selbst".

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Fragt man Polunin, ob es ihm Freude bereite zu provozieren, sagt er, seine Äußerungen und Handlungen müssten deshalb manchmal extrem sein, weil er erreichen wolle, dass die Leute wirklich aufhorchten. Wenn er etwa schreibt, man müsse Dicken mal eine Ohrfeige geben, sei das kein Aufruf zur Gewalt, sondern eine Maßnahme, sie aufzurütteln. "Es kann doch nicht sein, dass 60 Prozent der Kinder in einer Gesellschaft wie der amerikanischen übergewichtig sind, und man das ganz normal findet und nichts dagegen unternimmt", sagt er. Ob er denn keine Bedenken habe, ohnedies häufig gehänselte Kinder noch mehr Angriffen auszusetzen? "Sie müssen sich wehren lernen", sagt Polunin, "ich war als Kind auch oft eine Zielscheibe für andere. Das macht stark." Heute sei er überzeugt davon, dass man nicht alles tolerieren dürfe. "Man muss für etwas stehen."

Dass jemand als Reaktion auf solche Positionen vor zwei Tagen Polunins Instagram-Account gehackt und gelöscht hat, bestätigt der Tänzer. Auf die Frage, ob er erwogen habe, seine Social-Media-Aktivitäten jetzt ganz einzustellen, sagt er: "Nein, wir werden bald wieder einen Instagram-Accout einrichten. Aber ich werde Menschen haben, die mir helfen, klarer zu machen, was ich genau meine." Etwa, dass er durchaus nicht homophob sei und die Arbeit schwuler Künstler prinzipiell schätze. "Freddy Mercury oder Elton John zum Beispiel vermitteln große Stärke auf der Bühne", sagt Polunin. Die Initialen des von ihm bewunderten, schwulen Regisseurs David LaChapelle habe er sich ebenso tätowieren lassen wie das Putin-Bild und jüngst, bei einem Indienbesuch, Gott Shiva. Im klassischen Tanz gebe es derzeit aber eine Krise, weil männlich tanzende Vorbilder fehlten.

Ihn und seine Kollegen haben seine Münchner Fans am Samstag und Sonntagabend in der Staatsoper trotzdem gefeiert. Das Putin-Tattoo war bei den Auftritten in "Raymonda" überklebt. Nur bei Polunins Verbeugungen hatte die Wangenpartie des russischen Präsidenten unterm Kostüm schwarz hervorgespitzt. Zehn und mehr Vorhänge nahm Polunin an beiden Abenden entgegen. Allerdings nie alleine, immer waren seine Solistenkollegen Laurretta Summerscales und Osiel Gouneo mit ihm vor den Vorhang getreten. Wer einen Eklat erwartet hatte auf der Bühne oder bei dem Kongress, wurde enttäuscht: keine Buhs, keine Eier oder Tomaten, wie eine antifaschistische Aktivisten-Gruppe auf Flugblättern gefordert hatte.

Polunin schien auch auf der Bühne unbeeindruckt vom Furor um seine Person und tanzte vollkommen wie immer. Er war Pausengespräch in allen Foyers, auch wenn nicht jeder die Demo vorm Haus am Samstag oder die Flugblattaktion am Sonntag mitbekommen hatte. Der Protest, stürmisch auch in Sozialen Netzwerken geäußert, hatte sich gegen die Entscheidung von Intendant Nikolaus Bachler und Ballett-Chef Igor Zelensky gerichtet, an Polunin als Gastsolist bis auf Weiteres festzuhalten. Auf der Facebook-Seite der Staatsoper finden sich heftige Kommentare: "Nazi-Oper!" oder "Da müsste es doch nur so Abokündigungen regnen!" Eine neue Stellungnahme der Intendanz ist für Dienstag avisiert. Polunin selbst ist zuversichtlich: "Ich werde wieder in München tanzen", sagt er.

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