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Politisches Engagement:Lieber reden als schießen

2016 trat Mohammad Suleiman Wahedi dem Jungen Forum der Gesellschaft für Außenpolitik in München bei. Ein Jahr später war er der Vorstandsvorsitzende. Ein 24-Jähriger, der weiß, wo er hin will

Mohammad Suleiman Wahedi sitzt im momentan leeren Konferenzraum einer Unternehmensberatung, Nähe Giselastraße. Das ist sein Arbeitsplatz, er macht gerade eine Pause zwischen seinem VWL-Bachelor und Master, um Berufserfahrung zu sammeln. Mohammad trägt einen blauen Anzug mit Krawatte und wirkt sehr selbstbewusst. Mo - er besteht darauf, so genannt zu werden - ist 24 Jahre alt, redet schnell, redet viel, aber wählt seine Worte trotzdem behutsam. Ab und zu die ein oder andere Floskel. "Bei uns herrscht eine gute Arbeitsatmosphäre" oder: "Das zeichnet uns aus" - das "uns" verwendet er oft. Denn Mo engagiert sich ehrenamtlich für eine bessere Welt.

Seit 2016 ist Mo Mitglied des Jungen Forums der Gesellschaft für Außenpolitik in München. Seit 2017 ist er Vorstandsvorsitzender. Das Junge Forum hat mehr als 250 Mitglieder, Mo ist ihr Chef. "Das Ehrenamt kostet viel Zeit und Energie, aber es macht immer noch Spaß", sagt Mo. Seine Aufgabe besteht hauptsächlich darin, Leute - am besten namhafte - aus den Bereichen Politik, Wirtschaft, Medien, Kultur, Wissenschaft oder dem Militär einzuladen. Mit den Gästen werden dann Diskussionsrunden oder Vorträge organisiert. Diese sind öffentlich, der Eintritt ist frei. Denn sie sollen jungen Menschen internationale Politik näherbringen und sie dafür begeistern.

Mo hat schon prominente Personen wie ZDF-Moderator Klaus Kleber, FDP-Bundesvorsitzenden Christian Lindner oder Grünen-Politiker Omid Nouripour auf das Podium des Jungen Forums gelotst. Das Junge Forum ist also gut vernetzt. Das war allerdings noch nicht immer so. "Man sieht schon eine Entwicklung, seit ich im Amt bin. Auch unsere Sponsoren und Kooperationspartner merken, dass unsere Redner immer namhafter werden", sagt Mo. Wie er das sagt, klingt das sehr routiniert. Das ist halt sein Job.

Mohammad Suleiman Wahedi trägt gerne Anzug, sein Auftreten für das Junge Forum ist ihm sehr wichtig.

(Foto: Catherina Hess)

Diese mit Terminen überhäuften Menschen anzurufen, und sie zu überzeugen, beim Jungen Forum zu reden, ist für Mo mittlerweile Alltag. Manchmal ist es auch schwierig: Mo erzählt, wie das mit dem Vertreter der Bundesrepublik bei den Vereinten Nationen, Christian Heusgen, ablief. Da der hauptsächlich in New York, am Hauptsitz der UN ist, war es nicht einfach, einen freien Termin zu finden.

Mo ist es auch gewohnt, auf Bühnen zu stehen. Bei den Veranstaltungen des Jungen Forums moderiert er manchmal und hält Begrüßungsreden. Die nötige Standhaftigkeit, das nötige Selbstbewusstsein für solche Aufgaben hat er sich zum Teil schon in seiner Jugend erarbeitet: Er hat mit seinem Bruder den schwarzen Gürtel im Taekwondo gemacht. Die beiden haben sogar Kinderkurse gegeben, und das noch im Teenageralter. "Die Kinder zu unterrichten, war sehr wichtig für mich. Und es hat sehr viel Spaß gemacht, weil ich es mit meinem Bruder zusammen machen konnte", sagt Mo.

Mos Eltern stammen aus Afghanistan. Vor 25 Jahren sind sie nach Deutschland gekommen. Auf die Hintergründe der Einwanderung seiner Eltern geht Mo nicht genauer ein. Wenn ihn Leute nach seiner Herkunft fragen, spielt er gerne ein Spielchen mit ihnen. Seine Antwort lautet dann: "aus München." Nein, wo er denn wirklich herkomme. "Ja gut, aus Rosenheim." Nein, nein, woher denn wirklich? "Okay, okay, aus Bad Aibling." Worauf die Leute hinauswollen, ist klar. Die Frage nach seiner Herkunft nervt ihn mittlerweile, da sie immer und immer wieder gestellt wird und die Antwort jedes Mal erneut auf Zweifel stößt.

Er ist in Bad Aibling bei Rosenheim geboren, genau wie sein Bruder zwei Jahre später. Als er drei war, zog er mit seiner Familie nach Rosenheim. Nach dem Abitur ging er nach München zum Studieren.

Sein Interesse für Politik hat Mo bereits im Kindesalter entwickelt. "Ich habe schon immer gerne politische Nachrichten geschaut", sagt Mo. Außerdem wurde am Esstisch der Familie Wahedi immer viel politisiert. Sein Großonkel war in den Siebzigerjahren Gouverneur von Kabul, der Hauptstadt Afghanistans. "Als ich klein war, hat mich meine Oma mal gebeten, drei Traumberufe aufzuschreiben", erzählt Mo. Er schrieb: "Kanzler, Außenminister, Manager."

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In der vierten Klasse lernte er mit den anderen Kindern die deutsche Nationalhymne, aber nicht die afghanische. Das war für Mo unbegreiflich, da er afghanische Wurzeln hat. Seine Eltern erklärten ihm daheim, dass sie doch hier in Deutschland seien und man hier eben nur diese Hymne lernt. "Danach habe ich mich mehr mit Afghanistan beschäftigt und habe festgestellt, dass dort Bürgerkrieg herrscht", sagt Mo.

Die Politik ist seitdem seine große Leidenschaft, sagt Mo. "Aber mein zweites großes Hobby sind Anzüge und Krawatten." Das passt ja auch ganz gut zusammen. Er hat mehrere Anzüge in verschiedenen Farben und Schnitten im Kleiderschrank hängen. Krawatten besitzt er um die 50 Stück. Seine äußerliche Erscheinung ist ihm, vor allem bei Veranstaltungen des Jungen Forums, sehr wichtig. Nie zieht er das exakt gleiche Outfit an, mal anderer Schlips, mal andere Sakko-Farbe, mal nur ein anderer Krawatten-Knoten. Ob das irgendwer bemerkt, sei dahingestellt. Denn seine Farbvarianten sind immer sachlich, immer diplomatisch korrekt. "Ich versuche schon, den Dresscode einzuhalten, ich würde jetzt nicht in einem gelben Anzug kommen", sagt Mo.

Auch bei der diesjährigen Expertenrunde zur Münchner Sicherheitskonferenz (Siko) fehlte der Anzug nicht. Das Junge Forum hat dieses Jahr zum elften Mal ein "Side-Event" zur Siko München veranstaltet: eine Podiumsdiskussion mit dem Thema "Europa - Global Player oder Mitläufer?". Für seinen Verein, aber auch für ihn persönlich ist dieses Event das jährliche Highlight.

Seit es die Siko gibt, ist sie umstritten. Jedes Jahr gehen in München mehrere Tausend Menschen auf die Straße. Auf den Transparenten der Demonstrierenden standen dieses Jahr Botschaften wie "Kein Klima für Krieg" und "Abrüsten statt Aufrüsten".

Mo sieht die Siko eher als Möglichkeit, allen wichtigen Akteuren der Welt Raum zum Austausch zu bieten. "Reden ist immer besser, als zu schießen", sagt Mo und bezieht sich damit auf ein Zitat von Ex-Kanzler Helmut Schmidt. Dieser sagte mal im Bezug auf die Wichtigkeit von Kommunikation in der Politik: "Lieber 100 Stunden umsonst verhandeln, als eine Minute schießen." Dass von Siko-Gegnern oft auch mehr Transparenz gefordert wird, ist Mo durchaus bewusst. "Genau diese Transparenz versuchen wir als Junges Forum mit unserem Side-Event zu entwickeln", sagt Mo.

Im Moment will Mo kein Politiker werden. Er will an der LMU noch seinen Master machen. In den kommenden zehn Jahren oder auch später erst, würde er allerdings schon gerne eine Rolle in der Politik spielen. Welche das sein soll, kann er noch nicht sagen. "Ich bin kein Mitglied in einer Partei, und das wird auch so bleiben", sagt er. Politische Neutralität ist ihm wichtig, auch, weil das Teil seines Ehrenamts ist. "Das macht auch ein bisschen meine Arbeit aus, dass ich mit jedem kann und mit jedem muss", sagt Mo.

© SZ vom 24.02.2020
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