„Es ist ein Appell, für immer ein Bengel zu sein“, sagt Mine Richardsen. Mine ist 21 Jahre alt, non-binär, bevorzugt das Pronomen „er“ – und er befindet sich mitten im Schaffensprozess für seine Abschlussarbeit an der Münchner Meisterschule für Mode. Seine Arbeit nennt er „Bengel“. Der Bengel verkörpert für ihn jugendliches politisches Aufbegehren und den ungebremsten Willen zur Veränderung. Erwachsene würden mit der Zeit müder, ihr Aktivismus lasse nach, sagt Mine. Auch, weil sie mehr zu verlieren hätten. Mine möchte die pure Energie der Jugend deshalb in seinen Entwürfen einfangen.



Durch die Fenster fällt Sonnenlicht auf hölzerne Möbel, vertrocknete Blumen, einen Plattenspieler. Über dem Küchentisch prangt das Wort „Maus“. Auf dem Tisch stehen Mate-Flaschen, Kerzen, Kaffeetassen; an den Wänden hängen Collagen, Stoffmuster und ein Druck von Make-up-Artist Jasa Muller neben einem Bild, das der Vormieter zurückließ. Ein Durcheinander aus alltäglichem Leben und künstlerischem Schaffen. In seinem Zimmer ein Gebissabdruck. „Das ist meiner. Mein Dad ist Zahntechniker“, sagt Mine.
Zwei prall gefüllte Kleiderschränke bergen besondere Stücke, die Mine für Shootings sammelt, nicht selbst trägt. Wie eine Jacke aus dem 19. Jahrhundert, die er bei seinem früheren Nebenjob im Kostümfundus entdeckte. Selbst kleidet er sich meist in Schwarz, Grau und Silber. Dahinter steckt seine Synästhesie.
Mines Sinne verschmelzen: Farben werden zu Wörtern, Strukturen und Klängen. „Meine beste Freundin ist dunkelgrün und moosig, Jazz leuchtet gelb“, beschreibt er plastisch. Früher kleidete er sich farbenfroher, dekorierte bunt, doch inzwischen sei das zu viel für ihn. Die Schlichtheit vermittelt künstlerischen Ernst.
Mine ist heiser. Er greift zum Zitronen-Ingwer-Tee, um den Hals trägt er eine Kufiya – zugleich wärmend und ein dezentes Zeichen seiner politischen Aktivität. Demos und auch damit einhergehende Polizeigewalt haben ihn geprägt. Dabei ist ihm auch die Kleidung aufgefallen: „Polizistinnen und Polizisten stecken in einer Ausrüstung wie ein Panzer.“ Gerade in den vergangenen Jahrzehnten habe sich das verstärkt. Aktivistinnen und Aktivisten jedoch laufen relativ normal herum.
Aus dieser Beobachtung entstand die Idee für seine Abschlusskollektion für unbändige Rebellen und aufmüpfige Bengel. „Kleidung, an der gerissen und gezogen werden kann“, sagt Mine. Die Kollektion besteht aus verschiedenen Kleidungsstücken, die sinnbildlich für den Versuch des Entfliehens stehen. Darunter ein Entwurf für einen Pullunder mit der Aufschrift „DOCH“ – wie „Doch! Ich bin dagegen“. Ein Kleidungsstück, aus dem man leicht herausschlüpfen kann.

Mines vergangene Arbeiten unterlagen einem düsteren Schema. Er beschäftigte sich mit den Erfahrungen seiner Vorfahren. Im vergangenen Schuljahr entwickelte er eine Arbeit über transgenerationale Kriegstraumata. Er las über Epigenetik: wie sich Traumata in der DNA einschreiben und Angst vererbt wird.
Gleichzeitig muss er ans heute denken: Bomben in Gaza und der Ukraine. „Während wir hier anfangen, unser Trauma aufzuarbeiten, fängt ein paar tausend Kilometer weiter alles wieder von vorn an – ein ewiger Kreislauf, der nie aufhört“, sagt er. Sein Design zeigt deshalb zerrissene und wieder neu zusammengefügte Materialien. Er verwendete alte Militärstoffe, die er zerriss, bleichte und zu einem neuen Patchwork zusammensetzte. Dazu ein Pullover aus abgetragenem Strick. Eine eindringliche Metapher für das vererbte Trauma, das sich durch Generationen webt.

Auch wenn ein politischer Faden seine Designs durchzieht, merkt Mine in der Modewelt, wie er auf Grenzen stößt. Sein Blick auf die Modeindustrie ist gespalten. Die großen Schauen verfolgt er mit derselben Akribie, mit der andere die Fußball-Bundesliga verfolgen: „Wer welcher Creative Director wird, ist für mich wie für andere der Wechsel eines Spitzenspielers“, sagt er.
Doch die jüngsten Fashion Weeks lassen ihn ratlos zurück: „Kein einziges politisches Statement – während ich im nächsten Reel sehe, wie Bomben explodieren.“ Sein politisches Engagement in Mode zu zwängen, frustriert ihn deshalb: „Es schränkt mich ein, die Ideen auf Körper zu reduzieren“, sagt er. Das Faszinierendste für ihn ist der Prozess: Wochen der Recherche, assoziatives Texten, Dutzende überarbeiteter Entwürfe für schlussendlich nur sechs Looks.
Die kommerzielle Tragbarkeit der Modebranche nervt ihn – er will nicht für den Konsum designen. Die Gleichzeitigkeit von realen Kriegsbildern und mageren Models, die über den Laufsteg geschickt werden, hinterlasse bei ihm eine Leere, in der Mode alles sein will, nur nicht politisch.


