Süddeutsche Zeitung

Politik in München:Die Unermüdliche

Ursula Esau kam durch die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl zu ihrem politischen Engagement. Mit 91 Jahren ist sie immer noch Ortsvorsitzende der ÖDP in Ottobrunn.

Ein weißes Tellerchen, gefüllt mit ein wenig Wasser, darauf schwimmen eine Rote Bete und eine Karotte, aus beiden wachsen grüne Stängel und grüne Blätter. Das ist kein schlecht geputzter Salat, sondern die Deko auf Ursula Esaus Esszimmertisch in Ottobrunn. Esau ist eine der ältesten Kommunalpolitikerinnen im Münchner Raum. Sie ist 91 Jahre alt und leitet den Ortsverband der ÖDP in Ottobrunn und Neubiberg. Das Ö im Namen steht für Ökologisch, und ihre Mitglieder bezeichnen die ÖDP gerne als erfolgreichste Oppositionspartei Bayerns. Dabei ist sie gar nicht im Landtag vertreten. Doch auch ohne Sitz im Parlament mache die ÖDP Gesetze, sagt Esau. Zuletzt, als vor gut einem Jahr rund 1,7 Millionen Menschen das Volksbegehren der ÖDP für mehr Bienen- und Artenschutz unterschrieben.

Esau hat in der Partei alle möglichen Ämter bekleidet, sodass sie selbst gar nicht mehr genau weiß, wann sie welches übernommen hat. Den Ortsvorsitz würde sie nun mit mehr als 90 Jahren langsam gerne loswerden, sagt sie. Gleichzeitig klingt sie nicht so, als würde sie diese Aufgabe tatsächlich stören.

An diesem Nachmittag sitzt Ursula Esau in ihrem Wohnzimmer neben ihrem Mann Lothar, einem Ingenieur, der ihr gerne Orchideen schenkt. Das Fensterbrett ist voll damit. Während des Gesprächs sagt er kaum etwas und widerspricht ihr nie. Sie beide seien ihr Leben lang sparsam gewesen, sagt Ursula Esau. "Früher, weil wir kein Geld hatten." Und heute, weil sie es so wolle - um die Umwelt, den Planeten, die Natur, das alles, was sie "Schöpfung" nennt, nicht noch mehr zu beschädigen. "Wenn Corona vorbei ist, werden die Menschen nachdenklicher und bescheidener werden", davon ist Esau überzeugt.

Auch sie spürt die Auswirkungen der Ausgangsbeschränkungen und Abstandsregeln: So wie in den Jahren zuvor verkauft Esau auch heuer zu Ostern bunt gemusterte Eier, die Bäuerinnen aus der Ukraine mit einer traditionellen Technik anfertigten. Der Erlös geht an Kinder, die bis heute unter den Folgen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl leiden - etwa weil sie mit einem schwachen Immunsystem auf die Welt gekommen sind. Doch anders als vor zwei Jahren, als Esau um die 300 Eier verkaufte, waren es bis jetzt nur an die 40.

Während Esau davon spricht, wie 1986 im Atomkraftwerk von Tschernobyl ein Reaktor explodierte, hustet sie ein paar Mal. "Kein Corona, keine Sorge. Das passiert, wenn ich mich aufrege", sagt sie. Damals vor 34 Jahren fürchtete sich Esau so sehr vor der Strahlung, dass eine befreundete Physikerin mit einem Geigerzähler nachmaß, wie verstrahlt das Gemüse war. Die Werte kann Esau nicht mehr sagen. Doch oftmals seien die Ergebnisse gefährlich gewesen.

Weil sich die Frauen um die Gesundheit ihrer Kinder sorgten, gründeten sie 1986 den Verein "Mütter gegen Atomkraft". Bis heute unterstützt er Menschen aus Tschernobyl - etwa durch den Ostereierverkauf in Esaus Garten.

Für sie war die Katastrophe der Beginn ihres politischen Engagements. Esau war auch dabei, als Paul Fiegert in den Achtzigerjahren den Ortsverein der ÖDP in Ottobrunn und Neubiberg gründete. Damals hätten Ursula Esau und ihn die gleichen Ideen angetrieben, für die viele Jugendliche noch bis vor ein paar Tagen auf die Straße gingen, erzählt Fiegert, einer der ersten Biobäcker in Oberbayern. Aber als Sonderlinge seien sie in dem kleinen Ort trotzdem nicht betrachtet worden. "Dafür ist Frau Esau zu nett. Sie ist eine gute Seele", sagt Fiegert.

Sie bereue allerdings, sagt Esau, dass es eine Zeit in ihrem Leben gab, in der sie der Masse hinterherlief. Während der Nazidiktatur habe sie den rechten Arm gehoben, beim Bund Deutscher Mädchen Lieder gesungen, Kräuter gesammelt und Spaß dabei gehabt. Erst in den Siebzigerjahren, mit Anfang 40, habe sie begonnen, das NS-Regime zu hinterfragen. "Damals sagten die Leute, dass man nun endlich einen Schlussstrich ziehen müsse", sagt Esau. Das habe sie so gestört, dass sie begann, sich mit dieser Zeit auseinanderzusetzen.

Esau wuchs in Ostpreußen in der Nähe von Königsberg auf einem Hof auf. Mit ihren Eltern, ihren fünf Geschwistern und elf Pferden machte sie sich 1945 auf den Weg Richtung Westen. Angst habe sie keine gespürt. "Man war ja jung. Und ich bin ein optimistischer Typ. Oder wie würdest du mich beschreiben?", fragt Esau ihren Mann. "Ja, ja", antwortet der. Und fügt hinzu: "Die Leute aus dem Osten waren schon ein zähes Volk." Und die ÖDP "ein zähes Luder", wird Esau im Laufe des Interviews noch sagen.

Als Ursula Esau nach Ottobrunn zog, fragte sie der Pfarrer, ob sie eine ältere Dame besuchen könne. Daraus wurde ein regelmäßiger Besuchsdienst. Esau machte sogar die Prüfung zur Altenpflegehelferin. Und dann explodierte 1986 im ukrainischen Tschernobyl das Kernkraftwerk. Plötzlich herrschte in der kleinbürgerlichen Idylle eine große Unsicherheit. Und aus Esau, die bis dahin Mutter, Hausfrau und ehrenamtliche Pflegerin war, wurde eine Kommunalpolitikerin. Ehrenamtlich, sie bekam kein Geld dafür. Ohne ihren Mann, der das Geld verdiente, hätte sie vieles in ihrem Leben nicht machen können, sagt die 91-Jährige.

Esau pflanzt in ihrem Garten Kartoffeln, Bohnen und Tomaten an und ernährt sich seit Ende der Achtzigerjahre vegetarisch. Auf Fleisch zu verzichten, sei vor 30 Jahren für die meisten Menschen undenkbar gewesen.

Die Zeit arbeitet für die Ziele der ÖDP. In den Wahlergebnissen macht sich das allerdings kaum bemerkbar. Bei der Landtagswahl 2018 erreichte die Partei gerade mal 1,6 Prozent, bei der Kommunalwahl diesen März erlangte sie in Ottobrunn einen Sitz im Gemeinderat. Damit sei sie zufrieden, sagt Esau. "Ich habe vorher bestimmt 100 Briefe verschickt. Alle mit einem persönlichen Gruß versehen."

Doch warum kann ihre Partei so wenig davon profitieren, dass es plötzlich modern ist, mit dem Jutebeutel beim Bio-Bäcker einzukaufen? Vielleicht, weil Mitglieder wie Paul Fiegert und Ursula Esau sich nie Mühe gaben, cool zu sein. Wenn man sie fragt, wie aus ihnen politische Menschen wurden, nennen beide Bücher wie "Die Grenzen des Wachstums". Intellektuelle Konsumkritik, sicher nicht für jeden als Gute-Nacht-Lektüre geeignet.

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Quelle:
SZ vom 09.04.2020/kafe
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