Politik in München:"Es muss nicht unbedingt Mallorca sein"

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Politik in München: Den Frust, in der Minderheit zu sein, ist Tobias Ruff als ÖDP-Stadtrat gewohnt. Jetzt muss er seine Partei auf die Landtagswahl vorbereiten.

Den Frust, in der Minderheit zu sein, ist Tobias Ruff als ÖDP-Stadtrat gewohnt. Jetzt muss er seine Partei auf die Landtagswahl vorbereiten.

(Foto: Stephan Rumpf)

Tobias Ruff sitzt seit zwölf Jahren im Münchner Stadtrat, jetzt wurde er zum ÖDP-Landesvorsitzenden gewählt. Die Kernthemen der Partei wie Klimaschutz und Energiewende sind beliebt, aber reicht das bei der anstehenden Wahl?

Von Thomas Anlauf, München

Wer Tobias Ruff in seinem Element erleben will, sollte mal eine Stadtratssitzung im Münchner Rathaus besuchen. Da kann der 45-jährige Fraktionsvorsitzende der ÖDP durchaus auch mal bissig werden, wenn es um seine Herzensthemen geht: Naturschutz, Nachhaltigkeit, Energie- und Verkehrswende, ach ja, das Steinkohlekraftwerk im Münchner Norden muss abgeschaltet werden. Vor fast einem Jahr saß Ruff wütend im Stadtrat, weil die Mehrheit der Räte für eine Auskiesung und Abholzung von Teilen des Stiftungswalds Forst Kasten stimmten. "Trauen Sie sich, stimmen Sie dagegen!", rief er den Stadträten zu. Vergeblich. Nun ja, den Frust, in der Minderheit zu sein, ist er gewohnt.

Wer den ÖDP-Politiker in einer anderen Rolle treffen will, der vergangenen Samstag gemeinsam mit Agnes Becker zum ÖDP-Landesvorsitzenden gewählt worden ist, sollte ihm an einem Münchner Tümpel begegnen, an einem Bach bei Hallbergmoos oder gleich mitten in der Isar. Dort steht er dann oft mit Angelrute oder berufsbedingt mit Kescher und fischt in seiner Wathose Tiere aus dem Wasser, die gewogen und bestimmt werden müssen oder aus einem Weiher geholt werden, weil sie dort einfach nicht hingehören, wie eine Population von Goldfischen.

Tobias Ruff ruht dann in sich, zieht seinen Kescher mit langsamen Bewegungen durch das oft eiskalte Wasser und lächelt, wenn er wieder ein paar Exemplare gefischt hat. Tobias Ruff ist hauptberuflich Gewässerökologe und beim Bezirk Oberbayern angestellt. Dann ehrenamtlicher Stadtrat und Fraktionsvorsitzender der ÖDP und nun auch Co-Vorsitzender der ÖDP in Bayern. Kann Ruff denn auch Menschenfischer sein?

Das müsste er eigentlich. Schließlich geht es für ihn und Agnes Becker darum, dass die ÖDP bei der Landtagswahl in Bayern im kommenden Herbst ein respektables Ergebnis bekommt und möglichst in den Landtag einzieht. "Das Wichtigste ist erst einmal das Organisatorische", sagt Tobias Ruff. "Es steht der Wahlkampf bevor und das ist eine große Herausforderung."

Er sitzt an diesem Mittwoch im Café Kosmos in München und lächelt. Er weiß, dass er es weit gebracht hat in der kleinen Partei. Seit zwölf Jahren ist er im Münchner Stadtrat, die ersten vier Jahre lang sogar als Einzelkämpfer, bis dann seine Parteifreundin Sonja Haider dazu kam. Fast schon nebenbei war er von 2013 bis 2019 Mitglied im Bezirkstag von Oberbayern. Natürlich, "meine Frau hat schon gefragt, ob das jetzt noch mal mehr Arbeit wird", sagt Tobias Ruff. Aber er verbindet seine Arbeit auch gelegentlich damit, dass er eine seiner zwei Töchter mit auf einen Termin nimmt. Mal war es bei einer Demonstration vor der Staatskanzlei vor gut zwei Jahren, als er mit Tochter Emilia den Erfolg des bayernweiten Volksbegehrens zum Erhalt der Artenvielfalt ("Rettet die Bienen") feierte. Mal beobachtet sie ihn bei der Arbeit in einem Bach, wenn der studierte Forstwirtschaftler in seiner Funktion als Gewässerökologe den Zustand eines Flüsschens untersucht.

Die Familie ist Ruff ohnehin sehr wichtig. Seit seiner Kindheit lebt er in einem Haus im Münchner Norden auf einem Familiengrundstück. Dort ist die Familie zwar in der Stadt, aber mit dem Garten, Hühnern und Beeten wirkt es offenbar auch sehr entspannend auf die Seele Ruffs. Als neuer ÖDP-Vorsitzender in Bayern sieht er sich dennoch als geografische Ergänzung zu seiner Kollegin Agnes Becker. Sie lebt auf dem Land im Bayerischen Wald als Tierärztin, er als gebürtiger Münchner in der Großstadt. "Bei den ÖDP-Wählern wurden wir früher in der Stadt nicht so wahrgenommen", sagt Ruff. Trotzdem hat er es als Beisitzer im Landesvorstand geschafft, bei seiner ersten Kandidatur mehr als 95 Prozent der Delegiertenstimmen zu erhalten.

Wie kommt das denn? Zum einen, sagt er, und lächelt wieder, werde auch in Niederbayern in der Zeitung gelesen, was der ÖDP-Stadtratsfraktionsvorsitzende aus München zu bestimmten Themen sage. Aber er räumt auch ein, dass "wir bei der ÖDP nicht ganz so viel mit Ellbogen unterwegs sind, man muss sich auch nicht so um Posten prügeln wie etwa in der CSU".

Bei den Kernthemen der Partei sieht er ohnehin gerade "viel Rückenwind": Klimaschutz, Artenschutz und Energiewende. "Und im Gegensatz zu anderen Parteien trauen wir uns auch, das Wort Verzicht in den Mund zu nehmen." Gerade angesichts der Energieengpässe wegen des Angriffskriegs auf die Ukraine habe er bislang viel zu wenig von Politikern anderer Parteien gehört, wie die Menschen gerade jetzt auch Energie einsparen müssten und könnten. "Es muss nicht unbedingt Mallorca sein", sagt er. "Eine Radltour in die Natur kann genau so erholsam sein."

Wie Tobias Ruff am Mittwoch vor dem Café Kosmos mit gesunder Gesichtsfarbe in brauner Fleece-Jacke vor einem alten Ahorn steht, wirkt er so entspannt, als wenn er gerade eine Bachforelle in seinem Kescher gefangen hätte. Nun muss er zur Landtagswahl viele Menschen fischen, die von seiner Politik zu überzeugen sind.

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