Eine Münze einwerfen, fest auf den Knopf „Energizing“ drücken, und schon ploppt unten aus dem Automaten eine Schachtel heraus. Darin liegt ein Zettel, auf dem steht ein Gedicht. Es ist von Madara Gruntmane und beginnt mit den Zeilen: „Komm / Wir müssen an einen Ort gehen / wo wir das Grauen der Welt aufhalten / können“. Wenn das kein Satz ist, der elektrisiert?
Der Automat, der solche Aufforderungen ausspuckt, hängt seit neuestem im Gasteig HP 8, eingeweiht wurde er bei der Feier zum 40. Geburtstag des Kulturzentrums. Und so unscheinbar er auch in der riesigen Halle E wirkt, zwischen Leuchttafeln und Cafétresen: Er hat es in sich. Der Automat, der „Frische Gedichte“ bietet, ist bereits der dritte seiner Art in München, nach der Villa Stuck und dem Lyrik Kabinett, und er wird gewiss nicht der letzte sein in der Welt. Denn hinter der „lyrischen Raumin(ter)vention“ steht als treibender Motor der Lyriker und Übersetzer Matthias Göritz. Er hat einen Traum. Und einen Plan.

Was ist überhaupt ein Poesieautomat? Da gibt es zwei Richtungen, wie Göritz bei seiner Einführung im HP8 andeutete. Zum einen gibt es seit Jahrhunderten die Idee von Maschinen, die selbst Gedichte zusammensetzen können. Damit experimentierten bereits im Barock Gelehrte wie Athanasius Kircher; in jüngster Zeit brachte es Hans Magnus Enzensbergers klappernder Landsberger Poesieautomat zu einiger Berühmtheit. Um diese Idee von (Vor-)Computern geht es Göritz jedoch nicht. Ihn inspirieren andere Automaten: solche, die man aus den Straßen kennt, und aus denen man Kaugummis oder Zigaretten zieht.
Seit 2019 setzt er historische Automaten ein, um Gedichte in den öffentlichen Raum zu bringen. Angefangen hat er damit in Graz, später in Leipzig. Fast zwanzig Automaten hat Göritz bisher in Deutschland aufgestellt, und es werden grenzüberschreitend immer mehr: Er hat derzeit Aufträge von Bamberg bis Riga; auch in St. Louis in den USA, wo er an der Washington University als „Professor of Practice of Comparative Literature“ lehrt, ist einer in Planung. Doch der dritte in München sei ihm besonders wichtig, sagt er: Mit nunmehr drei Poesieautomaten ergebe sich hier sozusagen ein „Dreieck“, das man abwandern könne.
Schließlich spuckt das Ding nicht überall dasselbe aus. Den neuen Automaten zum Beispiel hat Göritz mit seinen Lieblingsgedichten aller vorherigen bestückt. Es sind Gedichte, für die er Lyrikerinnen und Lyriker eigens anfragte, darunter so bekannte wie Barbara Frischmuth oder Elfriede Jelinek, Aleš Šteger oder Monika Rinck, Volha Hapeyeva oder Nora Gomringer. Mit den Einnahmen – schließlich summieren sich auch je 50 Cent irgendwann zu etwas Größerem – werden Münchner Schreibseminare unterstützt. Einmal im Jahr sollen aus denen 20 neue Gedichte ausgesucht werden, die in den Automaten wandern. Es werden also wirklich „frische“ Gedichte sein, die dieser ehemalige Pfefferminzautomat auswirft, unter den Rubriken „atemberaubend“, „energizing“ und „erfrischend“.

Schriftstellerin Volha Hapeyeva:Laotse als Lotse
Die Schriftstellerin, Linguistin und Übersetzerin Volha Hapeyeva schätzt das „Tao Te King“ des chinesischen Philosophen Laotse – für sie ist es ein Werk, das in jeder Lebenslage weiterhilft.
Warum der ganze Aufwand? Man spürt: Matthias Göritz hat eine Mission, und er weiß sich darin einig mit den Größten seiner Zunft. So beruft er sich auf den Lyriker Joseph Brodsky, der 1987 in seiner Nobelpreisrede forderte, Gedichte billig in Taschenbüchern an Tankstellen zu verkaufen. Denn sie seien der „Treibstoff, mit dem wir durch den Tag kommen“, seien „extrem wahrnehmungsverändernd“.
Auch Göritz findet, Lyrik sei die „konzentrierteste Form“, existenzielle Erfahrungen und Gefühle auszudrücken. Deswegen ist ihm wichtig, dass das nicht nur in „Highbrow-Veranstaltungen in den Literaturhäusern“ geschieht, sondern auch im öffentlichen Raum. Ihn treibt die Hoffnung, dass die Menschen „immer wieder Lust kriegen, Gedichte zu lesen und sich damit zu beschäftigen, was Sprache eigentlich machen kann“.
Und so freut er sich auch, zum Beispiel aus dem Lyrik Kabinett zu hören, der Automat dort sei „superpopulär“ – beim Kindergarten gegenüber. Immer wieder würden die Kinder hingehen, 50 Cent einwerfen und sich die Gedichte zeigen und vorlesen lassen. Es ist eben auch ein Spiel – und tatsächlich nie zu früh, an Sprache einfach Spaß zu haben.
Für Göritz als Erwachsenen hingegen ist ein Gedicht „wie ein Tages-Orakel“. Wenn man es lese, wisse man zum Beispiel, ob ein Tag vielleicht unter dem Zeichen einer Schnecke stehe. Er bezieht sich damit auf ein Haiku des japanischen Dichters Kobayashi Issa, das ebenfalls im Automaten steckt. Es handelt von einer Schnecke, die versucht, den Berg Fuji hinaufzuklettern. Dieses „Bild einer eigentlich unmöglichen Art, etwas erreichen zu wollen,“ liebt Göritz als „so schön, so träumerisch“. Ganz langsam kriecht die Schnecke ihrem Ziel entgegen. Und langsam und beharrlich verwirklicht auch dieser Schriftsteller seinen Traum.

