Podiumsdiskussion Teuer, teurer, München

"Auf nach Riem!" - trotz Finanzkrise schreitet die Luxussanierung und Yuppisierung der Stadt voran. Experten diskutierten über die Zukunft der Münchner Mieter.

Von Anna Fischhaber

Überall Trümmer und Staub, die Bagger sind längst angerückt. Aus dem alten SZ-Areal in der Sendlingerstraße soll eine exklusive Hofstadt mit teuren Geschäften werden - je schneller, umso besser. Direkt gegenüber wurde gerade ein Apartment für 7,8 Millionen Euro verkauft. Wenige Straßen weiter, am hippen Gärtnerplatz, dasselbe Bild: Auch hier reiht sich längst Designerladen an Edelboutique. Und selbst im Westend, einst multikulturelles Arbeiterviertel, hat die Luxussanierung begonnen: Türkische Teestuben weichen schicken Cafélounges, billige Mietshäuser verwandeln sich in hübsches Eigentum mit Liftboy und Marmorbad.

Alles teuer: Wer in der Stadtmitte von München wohnen will, muss mit hohen Mieten rechnen.

(Foto: Foto: dpa)

Trotz Finanzkrise schreitet die Luxussanierung und Yuppisierung der Stadt voran. Selbst den steigenden Mietpreisen konnte die Krise nicht Einhalt gebieten - noch nie war Wohnen in München so teuer wie zurzeit. Wer kann sich diese Stadt eigentlich noch leisten? Und was kann man gegen die so genannte Gentrifizierung - auf deutsch Veradelung - bestimmter Viertel tun? Das fragen sich viele Münchner. Im Muffatcafé versuchen am Dienstagabend Architekten, Soziologen und städtische Planungsbeauftragte auf Einladung des Zündfunks Antworten auf diese Fragen zu finden.

"Es brummt in München mit großem Kapitaldruck", erklärt Markus Lanz, Architekt am Lehrstuhl für Städtebau der TU München. Immer mehr Reiche mit Villa am Starnberger See würden derzeit nach Zweit- und Drittwohnungen in der Innenstadt Ausschau halten. "Die nutzen sie dann für einen Opernbesuch oder um eine Grillparty auf der Dachterrasse zu veranstalten." Man dürfe aber nicht vergessen, dass wir alle Teil der Gentrifizierung seien: "Viele wollen am Gärtnerplatz wohnen und kaum jemand fragt, wer vorher in seinem Apartment gelebt hat." Er schlägt vor, dass sich die Stadt wieder als "Solidaritätsgemeinschaft begreift, damit niemand hinten hinausfällt".

"So eine Politik ist absurd"

Derzeit würden vor allem kinderreiche Familien an den Stadtrand gedrängt, beklagt Markus Schön vom Kreisjugendring.

Und auch Studenten und Auszubildende könnten sich die Mietpreise in der Innenstadt kaum noch leisten. Der Kreisjugendring will deshalb im Sommer ein Zeltlager mit Jugendlichen direkt auf der Maximilianstraße veranstalten. Motto: Mehr als ein Zelt ist nicht mehr drin. "Ich verstehe das nicht: Gerade hat uns die Finanzkrise gezeigt, dass der Markt sich nicht von allein regelt", sagt Schön. "Die Mietpreise sollen es dagegen - und steigen in München trotz Krise."

Auch Christian Stupka, Vorstand einer Genossenschaft für selbstverwaltetes Wohnen, sieht die bayerische Regierung in der Verantwortung: "In Hamburg wurden Milieus erhalten, indem man eine Genehmigungspflicht für die Umwandlung von Mietwohnungen in Eigentum eingeführt hat", erklärt er. Die Folge sei, dass diese um 90 Prozent zurückgegangen seien.

In München könne dagegen jeder Spekulant die Mieter vor die Tür setzen, das Gebäude "aufhübschen" und als teures Eigentum verkaufen. Die ehemaligen Mieter würden sich dann bei der Stadt für subventioniertes Wohnen anmelden. "So eine Politik ist absurd", findet Stupka.

Gertrud Hautum vom städtischen Planungsreferat verweist dagegen auf das 625 Millionen Euro schwere Wohnungsförderungsprogramm der Stadt, das einmalig in der Bundesrepublik sei. Von den Münchnern fordert sie mit Blick auf über 50 Prozent Single-Haushalte, die eigenen Ansprüche zu überdenken: "1970 haben noch 24 Quadratmeter pro Person ausgereicht, inzwischen sind es 40."

Gleichzeitig versucht sie an das Image der Messestadt Riem, wo gerade subventionierter Mietraum geschaffen wurde, aufzupolieren. Allerdings hat ihr "Auf nach Riem!" beim Publikum nur mäßigen Erfolg.

Es geht heiß her

In München regiere das "Kleinhirn" bekundet eine aufgebrachte Zuschauerin aus dem Publikum. In Wien seien die Häuser nicht so schön saniert, dafür aber billig. "In München wird dagegen jedes kreative Potenzial vertrieben", wirft sie der Stadt vor. Allerdings besitzt die Stadt Wien deutlich mehr Wohnungen als München, das nur über acht Prozent des öffentlichen Wohnraums verfügen kann.

Ein anderer wütender Gast gibt die Schuld dem "schlecht gemachten Mietspiegel". Es geht heiß her an diesem Dienstagabend im Muffatcafé, eine echte Lösung für das Problem findet sich nicht - es sei denn man betrachtet Stupkas Idee, zwei Personen dürften ab jetzt nur noch höchstens drei Zimmer bewohnen, als solche.

Vielleicht hat der Genossenschaftsvorstand aber Recht damit, dass auch die Münchner irgendwann erkennen, dass Eigentum in Zeiten der Globalisierung nicht mehr modern ist. "Und dann haben wir ja noch die bittere Finanzkrise, die auch hier viel freie Gewerbeflächen schaffen wird", fügt Stupka ironisch hinzu.

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