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Podiumsdiskussion:"Generelles Politikversagen"

Hitzige Debatte über die "Kultur in der Krise" im Münchner Volkstheater

Von Michael Zirnstein

Die Verantwortlichen in der Politik haben die dramatische Lage der Künstler in Corona-Zeiten durchaus verinnerlicht. Das wurde deutlich, als zu Beginn der Podiumsdiskussion im Volkstheater zur "Kultur in der Krise" fünf versammelte Mitglieder des Landtags auf Bitten der Moderatorinnen - der Kulturmanagerin Katrin Neoral und der Sängerin Anamica Lindig - kurz in die Rolle von Berufskreativen wechselten und drastische Worte für ihre miserable Lage fanden: Es habe ihm "den Boden unter den Füßen weggezogen" sagte da CSU-Kunstminister Sibler als Jazzmusiker; und einen "echten Albtraum" erlebte Rainer Ludwig (Freie Wähler, in Vertretung von Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger) als Disco-Betreiber.

Obwohl die beiden Vertreter der Staatsregierung pflichtschuldigst einige Versäumnisse und Fehleinschätzungen in der Corona-Hilfe einräumten, abermals Nachbesserungen in den Raum stellten und der Branche Perspektiven für den Winter und darüberhinaus versprachen; und obwohl offenbar jüngst in den Ministerien durchaus Gespräche mit Künstlern, Verbänden und den Moderatorinnen geführt wurden, kam es doch nicht zu einer Verbrüderung zwischen Kultur und Staatslenkern.

Im Gegenteil, die Stimmung wurde hitzig. Ein immer aufgebrachterer Hausherr, Volkstheater-Intendant Christian Stückl, erkannte gar ein "generelles Politikversagen" in der Krise, weil "ihr schon viel zu lange für alles braucht" und nicht "alle an einem Strang" zögen - womit er die redlich gegen Sibler und Ludwig schimpfenden Oppositionspolitiker auf der Bühne, Volkmar Halbleib, SPD, Wolfgang Heubisch, FDP, und Susanne Kurz, Grüne, einschloss. Und sogar die Kommunalpolitik, aus der ihn jemand (er nahm den anwesenden Kulturreferenten Anton Biebl ausdrücklich aus) "tatsächlich aufgefordert" habe, auszurechnen, was es koste, nichts zu spielen. "Dann schmeißt mich halt raus!", rief Stückl und berichtete, dass in der laufenden Spardebatte für den Haushalt 2021 einige Stadträte die Kultur bereits als entbehrlich bezeichnet hätten. Dem hielt er entgegen: "Wir sind Pflichtaufgabe, uns braucht man!"

Nur, wie können die "praxisnahen Lösungen" aussehen, die diese vom Kulturverein Jourfixe initiierte Runde mit elf Teilnehmern in 90 Minuten konstruktiv erarbeiten sollte: "Wie bewahren wir die bayerische Kultur- und Veranstaltungsbranche vor dem Point of No Return?"

Dieter Semmelmann, Konzertmogul aus Bayreuth, der heuer bereits 1500 Veranstaltungen absagen oder auf 2021 habe verschieben müssen, forderte ein Ende pauschaler Obergrenzen von Besucherzahlen, stattdessen solle man schnellstens - am besten vor dem "Weihnachtsgeschäft" - auf "Schachbrettmuster"-Bestuhlung oder abstandslose Befüllung gut gelüfteter Hallen bei gleichzeitigem Maskentragen setzen. Erst bei 70 bis 80 Prozent Auslastung könnten kommerzielle Anbieter kostendeckend veranstalten, weshalb auch die Pilotprojekte mit 500 Besuchern in Staatsoper oder Philharmonie - die Sibler zur Informationsgewinnung erst einmal verlängern will - für seinesgleichen sinnlos seien.

FW-Mann Ludwig wollte dies "uneingeschränkt" unterstützen: Er wolle schnell den Konzertgenuss wieder ermöglichen durch individuelle, wirtschaftlich tragfähige Gesamtkonzepte, was gerade im Ministerium durchdacht werde. Auch Sibler treibe die Öffnung etwa bei Theatern, die eine geregelte Sitzplatzvergabe gewährleisten, voran, nur dauere das noch etwas, weil "man dies einpassen muss ins Gesamtsystem in der Staatsregierung". Solange regte der Liedermacher und SPD-Stadtrat Roland Hefter "Geistertickets" an, also Leer-Karten, die die öffentliche Hand kauft, damit Veranstaltungen überhaupt stattfinden können. Das werde, berichtete Volkmar Halbleib aus seiner Heimat, in Würzburg bereits gemacht.

Die andere zentrale Frage war, was bei den auftragslosen freien Kulturschaffenden ankommt. Da hätte man vieles besser machen können, ergriff Till Hofmann das Wort für jene, die gerade nicht in seinen geschlossenen Läden wie dem Lustspielhaus auftreten können. Bei den Hilfsprogrammen hätte man die Künstler einfach "auf Basis der Steuererklärung der vergangenen drei Jahre" eine Art Kurzarbeitergeld auszahlen sollen. Sibler räumte ein, dass, anders als die Spielstättenförderung, die Künstlerprogramme kein Erfolg gewesen sei: Statt der erwarteten 60 000 Anträge habe man nur 8000 positiv bescheiden können. Viele Kreative seien durchs Raster gefallen. Wie die nicht abgerufenen 100 Millionen Euro weitergeleitet werden und welche Überbrückungshilfe es für den Winter gebe, daran arbeite die Staatsregierung derzeit intensiv: "Uns ist klar, dass die Brücke noch wesentlich länger werden muss." Eine Handreichung.

© SZ vom 29.09.2020

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