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Planegg/Gräfelfing:Kraftakt unter Zeitdruck

Der Einstieg der Hausärzte in die Corona-Impfungen verlief im Würmtal durchaus erfolgreich, aber holprig. Als größtes Problem gilt nach wie vor die fehlende Planbarkeit bei der Versorgung mit Impfstoff

Von Annette Jäger, Planegg/Gräfelfing

Eine Erfahrung nimmt Doris Unterreitmeier, Inhaberin der Jahn-Apotheke in Lochham, mit in diese Woche, die zweite Woche, in der Hausärzte Corona-Impfungen verabreichen dürfen: erst die Zusage des Großhandels abwarten, wie viele der bestellten Impfdosen überhaupt geliefert werden können, dann erst den Arztpraxen das Okay geben, sodass diese ihre Terminplanung mit den Patienten finalisieren können. Auch wenn die vergangene Woche insgesamt einen erfolgreichen Einstieg in das Corona-Impfprozedere durch die Würmtaler Hausärzte markiert, so war der Start doch holprig. Impftermine mussten vielfach kurzfristig wieder abgesagt werden, weil es schlicht an Impfstoff fehlte.

Gut 3000 Impfdosen pro Tag waren dem Landkreis München von Ende März an für die Impfungen in den Impfzentren zugesagt worden. Davon erhält der Landkreis "nicht mal die Hälfte", stellte Landrat Christoph Göbel (CSU) beim wöchentlichen Corona-Jour-Fixe am vergangenen Donnerstag fest. Mit derselben Situation sehen sich die Hausärzte konfrontiert. Alle, die eine Kassenzulassung haben, dürfen seit vergangener Woche impfen. Optimistisch haben die Praxen den Impfstoff in den Apotheken bestellt, doch sie haben weniger erhalten als gewünscht. "Dienstags wird Impfstoff bestellt, aber erst eineinhalb Tage später erfahren wir, wie viele Dosen wir erhalten", sagt Apothekerin Doris Unterreitmeier. Die Menge war bei der ersten Bestellung stark gekürzt worden, diese wie auch nächste Woche soll es noch weniger werden. Die Apotheken mussten die Arztpraxen vertrösten, und diese wiederum ihre Patienten, die sie längst zum Impfen einbestellt hatten.

Impfen in Arztpraxis

Jetzt muss es schnell gehen: Heike Baumann, medizinische Fachangestellte, zieht Spritzen mit Corona-Impfstoff auf.

(Foto: Florian Peljak)

Impftermine abzusagen, ist ein organisatorischer Extraaufwand für die Arztpraxen: So hatten sie mit viel Aufwand Patienten ausgewählt, die als erste eine Impfung erhalten sollten. Zwar impfen die Ärzte auch streng nach Priorisierungsliste, doch sie dürfen besonders gefährdete Patienten, etwa solche, die die Impfung zwischen zwei Chemotherapien dringend erhalten sollten, vorziehen, erklärt Annette Siegmund, Ärztin in der hausärztlich-internistischen Gemeinschaftspraxis Annette Siegmund/Alexandra Westermeier in Planegg. Dann brüteten sie wieder über ihrer Patientenliste und mussten abwägen, welche Impfung guten Gewissens verschoben werden konnte. Erschwert wurde das Ganze dadurch, dass die Termine nicht einfach auf die nächste Woche gelegt werden konnten, "wir wissen ja nicht, wie viel Impfstoff wir dann erhalten", sagt Siegmund. Das löste verständlicherweise vielfach Enttäuschung bei den Patienten aus. Das war in der Lochhamer Gemeinschaftspraxis Alexander Kruchen/Naomi Schell nicht anders. "Wir mussten einigen absagen", sagt Alexander Kruchen.

Fehlende Planbarkeit ist das Dauerthema, das sich wie ein roter Faden durch die Pandemie webt. Die positive Bilanz der ersten Impfwoche: "Die Impfbereitschaft ist überraschend groß", freut sich Siegmund. Sie ist sogar so groß, dass das Telefon seit Ostern nicht mehr stillsteht und die Mitarbeiterinnen kaum mehr dazu kommen, dem regulären Praxisbetrieb nachzugehen. Das bestätigt die Neurieder Praxis von Rainer Wöhrle, die erst diese Woche mit den Impfungen beginnt und die förmlich "überrannt" werde von Patienten mit Impfanfragen. Es ist ein Spagat zwischen Routinebetreuung der Patienten und der Pandemie als zusätzlicher Herausforderung, den die Arztpraxen gerade vollbringen müssen, sagt Oliver Abbushi, Versorgungsarzt für den Landkreis München. "Die Patienten brauchen Geduld", meint Siegmund. "Die Abläufe in der Bestellung und der Terminierung werden sich in den nächsten Wochen einspielen." Hilfreich wäre es, wenn sich die Patienten fairerweise nur bei ihrem Hausarzt anmelden und sich nicht bei diversen Ärzten im Würmtal auf Impflisten setzen lassen.

Impfen in Arztpraxis

Die Spritzen mit Impfstoff werden den Patienten in der Planegger Hausarztpraxis von Alexandra Westermeier und Annette Siegmund auf dem Tablett "serviert".

(Foto: Florian Peljak)

Die Verfügbarkeit von Impfstoff bleibt wohl noch längere Zeit der Überraschungseffekt, auf den sich die Arztpraxen einstellen müssen. Wenn er denn kommt, der Impfstoff, dann ist Schnelligkeit angesagt, oder, wie Doris Unterreitmeier es ausdrückt, "das Damoklesschwert der Zeit", schwebt über der ganzen Logistik. Denn der Impfstoff von Biontech, der nächste Woche wieder geliefert wird, ist nur kurzfristig lagerfähig: Am Dienstag, eine Woche nach Bestellung, kommt im Laufe des Tages die Lieferung, dann bleiben fünf Tage Zeit, den Impfstoff zu verbrauchen, de facto aber nur drei - Mittwoch, Donnerstag und Freitag - wenn am Wochenende die Praxis geschlossen bleiben soll. Mit der derzeitigen Impfmenge ist das noch zu machen. In der Lochhamer Gemeinschaftspraxis wurden vergangene Woche alle 60 Impfdosen an einem Nachmittag verabreicht. "Wir haben im 2,5-Minuten-Takt geimpft", sagt Alexander Kruchen. Sind die Spritzen einmal aufgezogen, müssen sie innerhalb von sechs Stunden verbraucht werden. Dafür hat die Praxis am Mittwochnachmittag Extratermine angeboten, die Räume so vorbereitet, dass die Patienten Abstand halten und auch die Wartezeiten von 15 Minuten nach der Impfung eingehalten werden können.

Betriebswirtschaftlich lohnt sich das Impfen beim Hausarzt nicht, hat Kruchen ausgerechnet. Der erhalte 20 Euro brutto pro Impfung. Dem stünden 22 Überstunden der Praxis-Mitarbeiter vergangene Woche gegenüber. Die Arbeitszeit der Ärzte sei da noch nicht eingerechnet. Das Szenario könnte der Dauerzustand werden, vor allem, wenn es viel Impfstoff gibt. "Da muss dann jeder schauen, wie er sich das leisten kann", sagt Kruchen. Bei den Hausärzten ist derzeit "viel Idealismus" gefragt, weiß Abbushi. Was sie antreibt, ist die Sorge um ihre Patienten. "Wir machen das für unsere Patienten", betont Kruchen.

© SZ vom 12.04.2021
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