Süddeutsche Zeitung

Kritik:Verästeltes Aufbäumen

Musik auf höchstem Niveau in der Pinakothek der Moderne: Das Münchener Kammerorchester ehrt die israelische Avantgardekomponistin Chaya Czernowin.

Von Klaus Kalchschmid

Mit "Pnima - ins Innere" hatte Chaya Czernowin vor 23 Jahren bei der Münchener Biennale ihren internationalen Durchbruch. So war schon das launige Gespräch mit der Komponistin im Ernst-von-Siemens-Auditorium der Pinakothek mehr als gut besucht, ausverkauft dann das Konzert des Münchener Kammerorchesters unter Leitung von Bas Wiegers in der Rotunde. Dabei reichte das Spektrum von Czernowins Streichsextett aus dem Jahr 1992 in der Streichorchesterfassung (2002) bis zur deutschen Erstaufführung von "Fast Darkness III: Moonwords" aus dem vergangenen Jahr.

Die beiden kurzen Streichquartette aus dem Jahr 2008 bildeten mit deren Symbiose und Überlagerung als Oktett unter dem Titel "Anea Crystal" den Rahmen dieses Komponistinnen-Porträts bei der "Nachtmusik der Moderne": Hier ein zartes, oft gezupftes Geviert; dort eine wild gezackte Vierergruppe, beide wie in einem alchemistischen Prozess (Czernowin) aufeinander reagierend; wobei die kreative Erinnerung an das Gehörte mitkomponiert war.

Dazwischen gab's das Streichorchester-Sextett mit dem hebräischen Titel "Dam Sheon Hachol", was "Das Stundenglas rinnt noch" heißt, aber auch den Stillstand der Sanduhr bedeuten kann: Wieder ein aufregendes, raffiniert geschichtetes Stück, das in der Mitte leidenschaftlich melodisch sich aufbäumte, um am Ende nach feinen Ziselierungen ganz in sich zusammenzufallen.

Das jüngste Werk, ein Sextett für Flöte, Klarinette, Klavier und Streichtrio war konträr zu allem anderen in dieser Nacht. Sechs vegetativ für sich oder umeinander wachsende Solisten waren da am Werk. Und was die Komponistin als Verästelungen der Zweige eines Baums beschrieb, hörte sich an wie das vielstimmige Konzert, das man in einem wild wuchernden Urwald vernimmt.

Wieder einmal bewies das MKO, dass es zeitgenössische (Kammer-)Musik auf höchstem Niveau präsentieren und sein Publikum zu gebannter Stille animieren kann. Herzlich heftiger Applaus!

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