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Pinakothek der Moderne:Es knistert wieder

Udo Brandhorst ist begeistert, Georg Baselitz amüsiert und Konen-Chefin Gabrielle Castegnaro alarmiert: Bei der 14. PIN-Party zeigt die Münchner Kunstszene, mit welcher Kraft sie sich für ihre Museen einsetzen kann - und schaukelt sich zu einem Rekord

Udo Brandhorst beugt sich zu Franz Herzog von Bayern hinüber, die beiden Männer sitzen am Samstagabend in der ersten Reihe bei der Benefiz-Auktion zu Gunsten der Pinakothek der Moderne. Beide haben je einen Katalog auf den Knien und einen Kugelschreiber in der Hand. Taktische Absprachen? Berechnungen, wie sich die Kunstwerke verkaufen werden, wenn Auktionator Andreas Rumbler zum Pult schreitet? Klar ist jedenfalls für die Gastgeberin des Abends, Dorothée Wahl, dass "alles zusammenpassen muss". Die Vorsitzende des Vereins der Freunde der Pinakothek der Moderne, kurz PIN, begrüßt die Gäste und hofft wieder auf einen magischen Moment, wie im vergangenen Jahr, als bei der Auktion mehr als eine Million Euro eingenommen wurden.

Brandhorst und Franz Herzog von Bayern diskutieren weiter, während andere ein Gläschen italienischen Schaumwein zu sich nehmen oder kurz in den hinteren Teil der Pinakothek schlendern, wo die 29 Werke der Auktion aufgehängt sind. "Ich gehe mal zur Hängung", heißt das dann auf Kunstdeutsch. Mit einem Glas Franciacorta und einem Häppchen von der lavendelgeräucherten Entenbrust mit Cassis-Gelee zum Beispiel. So bringen sich die 800 Gäste in Stimmung. Auch das ist notwendig für das Gelingen dieses Abends, sagt Angelika Nollert, Direktorin der Neuen Sammlung. "Je besser die Atmosphäre, desto bereitwilliger ersteigern die Gäste auch Kunstwerke." Nach drei Gläsern hebt man eben leichter noch bei höheren Beträgen die Hand, so könnte man das auch sagen.

Unter den Gästen sind einige Künstler, der Amerikaner Isaac Julien etwa oder der in München lebende Hubertus Hamm, deren Werke gleich versteigert werden. Sie sehen sich die Bilder an, ebenso wie zum Beispiel Nikolaus von Bomhard, Chef der Münchener Rück, der mit Herbert Scheidt spricht, dem Verwaltungsratspräsidenten der Bank Vontobel. Scheidt hat gleich auch einen Platz in der ersten Reihe. Je weiter vorne, desto höher die Hoffnungen der Veranstalter, dass die Gäste auch bieten. Scheidt sagt: "Das hat schon Glamour hier, obwohl Kunst ja oft auch sehr ernst ist. Aber hier geht es um viel Geld, hier wollen die Leute dabei sein, das ist attraktiv."

Leute, die hier dabei sind, sagen zum Beispiel: "Ich komme gerade aus Dubai", oder stecken den Garderobenzettel beim Empfang in ein Portemonnaie, in dem ein zentimeterdicker Stapel mit Hundert-Euro-Scheinen zu sehen ist. Aber so ist es eben in der Münchner Kunstszene, wenn an einem launigen Abend Werke für sechsstellige Summen ersteigert werden. Die einen leger, die anderen gestylt wie für die Oper, so flaniert man durch die Gänge und nun zur Versteigerung in die Rotunde. Letztlich sind am Ende in einer Hinsicht aber alle gleich, Dubai hin oder her: Man möchte gesehen werden. Und was gibt es da Besseres, als beim Aufruf von "140 000 Euro" lässig die Hand zu heben?

Der Künstler Georg Baselitz sieht sich auch erst einmal um, bevor es losgeht, und sagt: "Es ist zwar noch kein Karneval, aber ich finde es sehr lustig hier." Wenn sich die Münchner Gesellschaft trifft, hat das eben immer etwas von einem Schaulaufen. Franz Herzog von Bayern sagt: "Es ist gesellschaftlich und unterhaltsam, und man merkt, wie viel Kunstwissen die Leute haben." Und den Drang, diesen auch zu zeigen, den sich Auktionator Rumbler zu Nutze macht.

Die Gäste sitzen, die Kataloge aufgeklappt, Lesebrillen aufgesetzt, Brandhorst und von Bayern notieren mit. Es geht darum, die Summe von 2015 zu erreichen. Konen-Chefin Gabrielle Castegnaro sagt lächelnd: "Das ist ein gefährliches Spiel jedes Jahr, ich habe in dieser Atmosphäre schon so viel ersteigert." Deshalb heizt Rumbler ja ein. Bei Los fünf, einem Werk von Isaac Julien, Galeriepreis 7000 Euro, das für 20 000 weggeht, spürt man schon, dass es läuft. "Es knistert wieder", sagt Dorothée Wahl von PIN, für Julien ist es "eine fantastische Erfahrung", und der Käufer seines Werkes, der Constantin-Aufsichtsratsvorsitzende Dieter Hahn, schwärmt so ausgiebig vom Kunst-Ort München, wie er über die Entwicklung bei der Constantin schweigt.

Anselm Kiefers gestiftetes Werk "Untitled, 2014" wird für 222 000 Euro ersteigert, was einen gewaltigen Applaus aus der Rotunde nach sich zieht. Brandhorst und von Bayern notieren, und bevor die Stühle weggeräumt werden und getanzt wird, sagt der Kunstmäzen: "Wir haben im Kopf mitgerechnet: eine Million!" Sogar 1,1 sind es ganz am Ende. "Dass die Münchner so eine Summe für die Kunst aufbringen, ist einmalig in Europa."

© SZ vom 28.11.2016
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