Philipp Poisel in der Muffathalle:Der Abend, an dem die Tränen fließen

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Hier heulen sogar die Männer: Der Nobelnuschler Philipp Poisel berührt in der ausverkauften Muffathalle die Massen. Es treffen musikalische Begabung auf Sympathie und Authentizität.

Bernhard Blöchl

Der Abend, an dem Tränen fließen werden, beginnt schweißtreibend. Draußen zeigt der Winter unbarmherzige Stärke, drinnen schwitzen Mädchen (und deren Begleitungen), die eine Schwäche haben für gefühlvollen deutschsprachigen Songwriter-Pop. Philipp Poisel ist in der Stadt, und wie die meisten seiner Tourstopps ist auch die Muffathalle längst ausverkauft. Das ist schön, hat der Stuttgarter doch mit "Bis nach Toulouse" ein zweites, vielschichtigeres Album herausgebracht, das große Aufmerksamkeit verdient.

Philipp Poisel in der Muffathalle: Wenn sogar Männer heulen: In der Muffathalle hat der sympathische Stuttgarter Philipp Poisel die Massen berührt.

Wenn sogar Männer heulen: In der Muffathalle hat der sympathische Stuttgarter Philipp Poisel die Massen berührt.

(Foto: Lina Scheynius)

Dass sich Poisel zaghaft, wie es seine Art ist, um den inoffiziellen Titel als Deutschlands bester junger Songwriter bewirbt, wird gleich zu Beginn des mehr als zweistündigen Konzerts klar. Ein Gastspiel, so viel sei vorweggenommen, das die hohen Erwartungen erfüllt, obwohl der Sänger leicht kränkelt. Seine Songs, die er mit prima eingespielter Band präsentiert, changieren zwischen herzzerreißenden Liebesliedern, sehnsuchtsvollen Klangminiaturen und leidenschaftlichen Pop-Rock-Hybriden. Manchmal simpel, oft eingängig, immer bedeutungsvoll.

Wir sind ja geneigt, die Jack Johnsons, John Mayers, Bonnie Prince Billys oder William Fitzsimmons dieser Welt zu verehren, dabei haben wir hier einen Poisel. Und dann diese Stimme! Er haucht, näselt, knödelt. Ergreifender kann man nicht lallen, so viel steht fest. En passant scheinen ihm die Wörter aus dem Mund zu fallen. Philipp Poisel ist ein Nobelnuschler, der die Schönheit der Schludrigkeit zur Kunstform erhebt. Das macht ihn so unverwechselbar wie Herbert Grönemeyer, der ihn vor zwei Jahren auf seinem Label "Grönland Records" unter Vertrag genommen und gefördert hat.

Zur musikalischen Begabung kommt Sympathie und Authentizität. Der 27-Jährige hat diesen unwiderstehlichen Ron-Weasly-Charme. Wie die liebenswert-schusselige Figur aus den Harry-Potter-Filmen verzaubert auch Poisel seine Zuschauer spielend. Den kleinen Burschen mit der Wuschelfrisur muss man mögen. Wie er von seinem kleinen Perserteppich erzählt, den er immer dabei hat, um sich auf den Bühnen der fremden Städte ein wenig zuhause zu fühlen; davon, wie sich seine Eltern in einem Tanzcafé an der Isar kennengelernt hätten; von seiner frühen Bewunderung der Münchner Hip-Hopper Blumentopf und dem Wunsch, wie sie einmal in der Muffathalle aufzutreten. Dass er am Ende des Konzerts neben einigen anderen auch noch dem Busfahrer dankt, ist nicht zu viel des Guten, sondern ehrlich gemeint.

Und das spüren seine Fans. Bei "Froh dabei zu sein", einem heiter arrangierten Stück über das Sterben, das Poisel alleine an der Gitarre vorträgt, liegen sich auch junge Männer in den Armen. "Ich hab furchtbar Angst vorm Tod", singt er darin, "ich hoff, wir sind dort nicht allein. Auch wenn das Leben manchmal traurig ist, bin ich froh, froh dabei zu sein." Die Männer heulen.

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