Buchpräsentation "Er hat so eine Energie, so eine Kraft"

Der Künstler konnte bei der Buchpräsentation Wegbegleiterinnen wie Schauspielerin Gisela Schneeberger begrüßen.

(Foto: Florian Peljak)

Phil Herold, 38, hat eine Muskelerkrankung und kann lediglich seinen rechten Daumen bewegen. Nun stellt er seine Biografie vor - mit Anekdoten von Bob Dylan, Keith Richards oder Michael Jackson.

Von Philipp Crone

Das eigentlich Besondere an dem Mann, den am Dienstagabend alle anstarren, weil er so völlig eigenartig aussieht, das eigentlich Besondere ist nicht das, was man sieht. Sondern es ist das, was man über ihn hört. Über ihn mit Michael Jackson zum Beispiel, oder seine Verbindung zu den Rolling Stones.

Phil Herold ist ein 38-jähriger Mann, der nichts an seinem Körper bewegen kann außer seinem rechten Daumen. Er leidet seit seiner Kindheit an Spinaler Muskelatrophie Typ II. Das bedeutet, dass er in einem Rollstuhl liegt, sein Körper fast keine Muskeln mehr hat und Herold dadurch wirkt wie ein gänzlich unterernährter Mensch. Nur Haut und Knochen, Gewicht: 22 Kilo. Eine Beatmungsmaske mitten im Gesicht lässt ihn zusätzlich ein wenig unheimlich wirken. Wie eine Mischung aus Stephen Hawking, dem Physiker mit einem ähnlichen Erscheinungsbild, und der Filmfigur Hannibal Lecter.

Das darf man auch so schreiben, weil Herold sich selbst so beschreibt in seinem Buch, das er am Dienstagabend im Seehaus vorstellt. Und da ist eben gut zu beobachten, dass nicht nur seine Erscheinung in einem High-Tech-Stuhl mit mehreren Displays und einer GoPro-Kamera so beeindruckend ist, auch nicht seine Kunstwerke, farbenstarke Bilder, am Computer erschaffen, sondern seine Erzählungen. Die Lesung selbst übernimmt Gastgeber Stephan Kuffler, weil Herold wegen der Maske und seiner ganzen Gebrechen zu schwer zu verstehen ist. Herold selbst sagt zu Beginn nur mit seiner knarzend heiseren Flüsterstimme: "Ich bin gespannt, wie die Leute das Buch aufnehmen werden."

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Die Leute, das sind zum Beispiel Schauspielerin Gisela Schneeberger. Sie wohnte in der Nachbarschaft in der Türkenstraße, wo Herolds Eltern bei dessen Geburt vor knapp 40 Jahren einen Gemüseladen betrieben. Schneebergers Sohn heißt ebenfalls Philipp und ist fast gleichalt. "Wir kannten uns gut, ich war im Laden beim Einkaufen. Irgendwann ist Phil aus dem Kinderwagen dann nicht mehr rausgekommen", sagt Schneeberger. Sie spricht wie viele der Gäste an dem Abend, die den Autor und Künstler gut kennen, ganz entspannt über dessen so kaum vorstellbar starke Behinderung. Und in einem sind sich die circa 60 Gäste einig: Sie sind voller Bewunderung, voller Staunen.

Schneeberger sagt: "Er hat so eine Energie, so eine Kraft." Ein Mann, der nun seit fast 40 Jahren die Erwartung der Ärzte widerlegt, nach der Menschen mit so einer Erkrankung oft schon nach einem Jahr sterben, meistens an einer Lungenentzündung. "Und es ist einfach irre, was er mit seinem Finger alles machen kann", sagt Schneeberger noch. Seit zwei Jahren haben die beiden nun wieder Kontakt, sie telefonieren regelmäßig, und Schneeberger kennt natürlich längst die ganzen tollen Geschichten von Herolds Amerika-Reisen und den Begegnungen mit den Musikstars.

Herold mit Keith Richards (links) von den Rolling Stones.

(Foto: Phil Herold)

Herold beschreibt in seinem Buch zu Beginn seinen Tagesablauf. Dadurch, dass er so wenig Muskeln habe, friere er schnell. Daheim hat er also eine Temperatur von 30 Grad, aber dann mag er auch gerne zum Essen eine Abkühlung. Der Münchner Eismacher Giorgio Ballabeni ist auch im Seehaus, die beiden kennen sich. Herold "liebt mein Eis, er trinkt es immer püriert", sagt der Eismann. So wie er alles zu sich nimmt, in flüssiger Form. Ballabeni kommt gerade von einer Japan-Reise, von der er einige Geschmacksanregungen mitgebracht hat. "Da wird es nächstes Jahr sicher ein paar neue Sorten geben."

"Phil, du bist für mich wie Salvador Dalí und Andy Warhol in einer Person"

Herold interessiert sich schon immer für Musik - und so ergab sich auch ein Treffen mit den Rolling Stones. Er war 2006 im Nightclub des Bayerischen Hofes zu Gast, wo auch der Saxofonist der Stones, die gerade in München ein Konzert hatten, vorbeischaute. Herold fällt jedem auf in seinem Rollstuhl, und so kamen der Saxofonist Bobby Keys und der junge Mann ins Gespräch. Herold eröffnete am nächsten Tag eine Ausstellung seiner Bilder im Gasteig, und Keys wollte sie sehen. Nach dem Auftritt der Stones kamen Herold und Keys also nachts zum Gasteig, und Keys war so begeistert, dass er gleich Keith Richards anrief. Kurz darauf trafen die restlichen Stones mit Blaulichtbegleitung an der Philharmonie ein. Richards gleich zu Herold: "Phil, du bist für mich wie Salvador Dalí und Andy Warhol in einer Person." Richards und Ron Wood kauften sofort Bilder, Mick Jagger nicht.

Sting hat es leider nicht zur Präsentation geschafft.

(Foto: Erwin Rittenschober)

Herold lernte im Laufe der Zeit durch sein auffallendes Äußeres immer wieder Prominente kennen. 2006 war es Gunter Sachs in einem Hotel, der Kunstmann und Mäzen interessierte sich für Herolds Werke. 2009 hatte auch Michael Jackson von dem einzigartigen Künstler aus München erfahren und wollte ein Bild von Herold. Er sollte bei dem ersten von 50 Konzerten in London dabei sein, mit dem Privatjet des Musikers eingeflogen werden und ihm das Bild auf der Bühne übergeben. Allerdings starb Jackson dann ein paar Tage vor dem Konzert.

Herold traf Bob Dylan, Eric Clapton, Mike Tyson oder Leonardo DiCaprio, Lady Gaga oder Eva Mendes. Dylan wollte kein Bild von Herold, er habe einfach schon alles, aber als der Musiker das ihm zugedachte Werk dann sah, wollte er es auf einmal doch, und bot ihm im Tausch seine Mundharmonika an. Da habe Dylan keinen schlechten Schnitt gemacht, schreibt Herold. Nicht nur Lebenswillen, Kreativität und Stärke, der Mann hat auch Humor. Vielleicht ist es das, was man unbedingt braucht, um mit so einer Krankheit zu leben.

Am Dienstagabend im Seehaus ist auch Kabarettistin Monika Gruber zu Gast, sie kennt Herold von einem Kunstprojekt. "Für so ein kleines Manderl hat er eine unglaubliche Kraft", sagt auch Gruber. "Er müsste Seminare geben für Leute, die eigentlich gar keine Probleme haben, darüber, wie viele kleine Freuden man im Leben entdecken kann." Herold formuliert es in seinem Buch so: "Der Schlüssel zu einem glücklichen Leben ist zu akzeptieren, dass man eigentlich keine Kontrolle hat."

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