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Pflegereform:Stress für die Betreuer

Die Pflegereform bringt nicht nur Vorteile, klagt die Innere Mission

Von Anna Hoben

Zehn Alten- und Pflegeheime betreibt die Innere Mission in und um München herum, 1400 Menschen wohnen dort. Männer und Frauen mit 1400 verschiedenen Lebenswegen, die eines verbindet: Sie konnten ihr Leben zu Hause nicht mehr meistern und haben sich, allein oder mit Angehörigen, entschieden, in der Gemeinschaft eines Heimes alt zu werden. Sie alle sind von der Reform der Pflegeversicherung betroffen, die zu Beginn des Jahres in Kraft getreten ist, mit dem sogenannten Zweiten Pflegestärkungsgesetz.

Die Veränderungen sollen alles besser machen, doch das tun sie nur sehr bedingt, sagt der Vorstand der Inneren Mission München, Günther Bauer. "So wie es jetzt ist, wird es nicht auf Dauer bleiben können." Dass es statt der bisherigen drei Pflegestufen nun fünf Pflegegrade gibt, dass es mehr Geld für die Pflege gibt, dass "weichere" Faktoren wie etwa Demenz fortan bei der Einstufung stärker berücksichtigt werden als bisher - all dies sei positiv. Viele profitierten, weil sie großzügig neu eingestuft worden seien, sagt Gerhard Prölß, Geschäftsführer der Hilfe im Alter gGmbH der Inneren Mission.

Doch welche Folgen hat die Reform bei genauerem Hinsehen? Seit dem 1. Januar müssen alle Bewohner die gleichen Zuzahlungen leisten, unabhängig vom Pflegegrad. "Leute, die noch mobil sind, werden bestraft", so Prölß, denn sie finanzieren die anderen mit. Als Konsequenz blieben erstere verstärkt weg aus den stationären Einrichtungen, "obwohl manche von ihnen dort besser aufgehoben wären".

Ambulante statt stationäre Pflege, genau das sei politisch gewollt, so Bauer. Es belaste am Ende jedoch nur die Familien mehr, und ergo: hauptsächlich Frauen. "Ich verstehe nicht, warum sich Frauenverbände bisher nicht deutlicher geäußert haben." Auch die Pflegekräfte selbst profitierten nicht von den Änderungen. Wenn immer mehr noch einigermaßen fitte Menschen sich zu Hause pflegen ließen, bewirke dies, dass die Pflegekräfte in den Heimen noch stärkeren Belastungen ausgesetzt sind. Mehr Personal sei aber nicht in Sicht, ganz im Gegenteil: Wegen einiger Feinheiten, die mit dem Betreuungsschlüssel zusammenhängen, haben manche Heime nun sogar weniger Pflegekräfte zur Verfügung. Prölß nennt ein Beispiel, in dem eine Einrichtung plötzlich mit drei Mitarbeitern weniger auskommen muss als im Dezember. Bis zum Jahr 2025 werden in München 4000 zusätzliche Pflegekräfte benötigt. "Der Beruf wird aber keineswegs attraktiver", sagt Prölß.

Auch die Kurzzeitpflege sei im Gesetz nicht berücksichtigt, obwohl sie immer wichtiger werde. Mit den Änderungen gehe zudem ein riesiger Bürokratieaufwand einher. "Es gibt so viele Vorgaben, dass es manchmal schwer ist, sinnvoll zu arbeiten", sagt Prölß.

© SZ vom 14.01.2017

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