Es gibt eines, das ist jedes Jahr gleich: Die verdutzen Blicke und das Murren meiner Familie sowie meines Freundes, wenn ich sie nach den Sommerferien Mitte September frage: „Leute, wie wollen wir in diesem Jahr eigentlich Weihnachten und Silvester feiern?“ Verständlich, da ist der Sommer noch nicht einmal richtig vorüber und ich will schon Pläne für die kalte Jahreszeit machen, die zu diesem Zeitpunkt so ewig weit weg erscheint. Aber so ist das nun einmal, wenn man im Schichtdienst arbeitet.
Wer an Weihnachten arbeitet, hat Silvester frei, und umgekehrt, so lautet bei uns üblicherweise die Regel. An einer der beiden Feierlichkeiten sollte schon die Bereitschaft da sein, einen Dienst zu übernehmen. Das ist fair. Wir dürfen uns aber entscheiden, an welchen Tagen wir welche Schicht am liebsten übernehmen möchten. Deshalb hat die Liste, die unser Chef in unserem Aufenthaltsraum aufhängt, auch eine dicke Linie in der Mitte. Links davon steht Weihnachten, rechts Silvester.

SZ-Pflegekolumne: Auf Station:Stille Nacht im Krankenhaus
Wenn es draußen dunkel wird, kehrt Ruhe ein rund um die Ebersberger Kreisklinik. Und drinnen auf der Intensivstation? Ein Nachtdienst mit Pflegerin Pola Gülberg.
Die Nachtschichten zu besetzten, ist eigentlich nie ein Problem. Da tut sich immer ein Trüppchen zusammen, das dann sogar ein richtiges Kollegenmenü organisiert: Jeder bringt etwas anderes zu essen mit, wie ein kleines Stationsbuffet, über das sich dann in der Pause alle hermachen. Lassen es die Zustände der Patienten zu, kann man sich da für ein Weilchen auch mal gemeinsam hinsetzen, ratschen, eine Tasse warmen Früchtepunsch trinken und sich den Köstlichkeiten widmen. So kommt dann selbst auf der Arbeit festliche Stimmung auf.
Natürlich bleibt jedes Mal eine Menge Essen übrig, die Reste werden dann im Kühlschrank gebunkert bis zur nächsten Nacht. Ich erinnere mich an ein Jahr, da hat uns eine ehemalige Patientin über einen meiner Kollegen eine riesige Schüssel Lebkuchen-Schichtdessert zukommen lassen. Das war nicht nur eine äußerst nette Geste, die vor allem diejenigen freute, die sie betreut hatten. Sondern es war auch noch mega lecker und hat sogar für die Frühdienstler gereicht. Da denke ich heute noch ab und an dran, obwohl das schon Jahre her ist.
Selbst arbeite ich in diesem Jahr an Silvester. Mein Kind ist zwölf, da versuche ich schon, dass wir die Bescherung gemeinsam feiern können. Als er noch ganz klein war, habe ich aber auch gerne am Heiligabend in der Spätschicht gearbeitet. Bescherung gab es damals bei uns immer erst um Mitternacht, da schlief mein Kind längst. Die Geschenke für die Kleinen in unserer Familie gabs dann erst am 25. morgens. Insofern war es dann für mich sehr wichtig, am ersten Feiertag keinen Frühdienst zu haben.

Man kann also gar nicht sagen, dass diejenigen mit Kindern auf gar keinen Fall an Heiligabend arbeiten wollen, die Kinderlosen aber sehr wohl, weil sie lieber an Silvester und Neujahr frei möchten, um auf eine Party zu gehen. Jede Familie feiert die Feste so unterschiedlich, oder aus religiösen Gründen vielleicht auch gar nicht.
Ich bin wirklich froh, dass wir es uns aussuchen können, wann wir an den Feiertagen arbeiten möchten. Und manchmal auch Ausnahmen möglich sind. So habe ich vor zwei Jahren an gar keinem der Tage gearbeitet, weil ich seit Langem mal wieder meine Familie in Chile besuchen wollte, gemeinsam mit meinem Kind. Dementsprechend waren wir auf die Schulferien angewiesen. Die Reise war toll und rückblickend freue ich mich noch immer, dass das überhaupt möglich war. Ich glaube, das ist nicht in jeder Klinik oder allgemeiner gesprochen in allen Berufen so, wo im Schichtdienst gearbeitet wird.
Beim Zusammenbasteln des Dienstplans achtet unser Chef sogar darauf, dass jeder mindestens an einem der Weihnachtstage komplett freihat. Wie gut, dass wir in Deutschland leben, schließlich haben wir hier ja gleich zwei Feiertage – und rechnet man Heiligabend mit dazu, dann sogar eigentlich zweieinhalb. In anderen Ländern gibt es nur einen gesetzlich freien Tag. Da gestaltet sich das Ganze natürlich gleich schwieriger.
Pola Gülberg ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 41-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit am Klinikum Ebersberg München Ost. Die gesammelten Texte sind online unter sz.de/aufstation zu finden.

