Wenn eines aus dem Physik-Schulunterricht hängen geblieben ist, dann vielleicht das: Wasser kann in unterschiedlichen Aggregatzuständen vorkommen – fest, flüssig und gasförmig. Außerdem hat ein Liter flüssiges Wasser nicht das gleiche Volumen wie ein Liter gefrorenes. Denn flüssiges Wasser dehnt sich sowohl beim Gefrieren als auch beim Verdampfen aus, sodass Eis und Wasserdampf mehr Raum in Anspruch nehmen. Oder anders formuliert: Ein Liter Wasser ist nicht immer das gleiche wie ein Liter Wasser. Und auch 38 Grad sind nicht unter allen Umständen das gleiche wie 38 Grad. Dass ein älterer Mann das nicht bedacht hat, ist ihm zum Verhängnis geworden. Beinahe sogar zu einem tödlichen.
Er war um die 80 und hat zusammen mit ein paar Freunden leidenschaftlich gern regelmäßig die Sauna besucht. Ein- bis zweimal die Woche, wie er mir erzählte. Mittlerweile jedoch war er nicht mehr so gut zu Fuß unterwegs, Ausflüge in die Sauna wurden daher immer komplizierter und aufwendiger. Verzichten auf das wohlige Schwitzen wollte er trotzdem nicht. Also beschloss er, eine Art Sauna-Milieu bei sich zu Hause nachzuahmen.
Dazu ließ er in der Badewanne bei geschlossenen Türen und Fenstern heißes Wasser laufen, bis ordentlich Dampf im Raum war. Dann regulierte er die Wassertemperatur auf 42 Grad, füllte die Wanne damit und stieg hinein. Das hatte er schon ein paar Mal so gemacht, wie er sagte. Zehn, höchstens fünfzehn Minuten, dann wieder raus aus dem Wasser. Ein bisschen hätte es sich dann angefühlt wie nach einem ausgiebigen Saunagang.
Nur dieses Mal lief es anders ab.
Noch bevor er sich in die Wanne hinabgleiten ließ, fühlte er sich nicht ganz fit. Aber weiter hat er sich nichts gedacht, kommt ja mal vor. Nach ein paar Augenblicken im Wasser merkte er aber, dass es ihm zunehmend schlechter ging – er konnte nicht mehr richtig atmen. Da wollte er raus, ist jedoch abgerutscht. Danach wird seine Erinnerung schwammig, ein Mal ist er wohl unter- und wieder aufgetaucht, nach seiner Frau zu rufen, schaffte er nicht. Mehr weiß er nicht mehr.
Nach einer Weile hat sich seine Frau gewundert, wo er denn diesmal so lange blieb. Ein Glück, denn sonst hätte die Geschichte vermutlich ein ganz anderes Ende genommen. Sie sah nach ihm – und fand ihn bewusstlos in der Badewanne, sein Körper schwappte hin und her, der Kopf immer wieder unter Wasser.

Als die Rettungskräfte eintrafen, musste er noch an Ort und Stelle reanimiert werden. Intubiert und beatmet, kam er schließlich zu uns auf die Intensivstation. Die ersten Tage war sein Zustand kritisch. Doch langsam erholte er sich wieder.
Was der Mann nicht bedacht hatte: Wasser kann viel mehr Wärmeenergie speichern als Luft – und auch viel mehr Wärme leiten. Das heißt unter anderem, dass sich die Haut und damit der Körper um ein Vielfaches schneller erwärmt, wenn er mit 42 Grad heißem Wasser in Berührung kommt im Vergleich zu 42 Grad warmer Luft. Und auch das Schwitzen funktioniert im Wasser nicht richtig, denn nur an der Luft kann der Schweiß verdunsten und dadurch ein Kühlungseffekt eintreten. Im Wasser bleibt der Schweißfilm einfach auf der Haut, da kühlt nichts.
Dass mein Patient dachte, 42 Grad warmes Wasser, das geht schon, schließlich ist es ja in einer Sauna noch viel wärmer, unterlag also einem Fehlschluss. Jetzt erkannte er das auch, er ärgerte sich sehr über sein eigenes Verhalten. „So ein Schmarrn“, sagte er zu mir, „das mach’ ich nicht nochmal.“
Pola Gülberg ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 41-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit am Klinikum Ebersberg München Ost. Die gesammelten Texte sind online unter sz.de/aufstation zu finden.

